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Hintergrund zur Gestütschließung- das sagt das Ministerium – so antwortet Dillenburg

Das Umweltministerium unter der Leitung von Priska Hinz (Grüne) hat schwere Vorwürfe gegen das Landgestüt Dillenburg erhoben und in der Folge die Schließung beschlossen. Die ETCD FreiZeitReiter haben im Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz nachgefragt und Antworten erhalten:

ETCD FreiZeitReiter: Warum ist das Umweltministerium zur Entscheidung gekommen, dass das Landgestüt in Dillenburg geschlossen werden muss?

Das Umweltministerium: Die Entscheidung, das Gestüt zu schließen, hat zwei Gründe: Zum einen erscheint eine Fortführung der Hengsthaltung im Landgestüt Dillenburg im  Sinne eines effektiven Tierschutzes nicht länger tragbar. Zum anderen gehört aus Sicht des Hessischen Umweltministeriums der Betrieb eines Landesgestüts nicht zu der hoheitlichen Aufgabe einer Landesregierung. Spätestens seit Änderung des Tierzuchtgesetzes 2006 ist „Tierzucht“ und die Bereitstellung von Zuchthengsten keine staatliche Aufgabe mehr.

ETCD FreiZeitReiter: Was soll mit den Auszubildenden passieren, die an der angeschlossenen Reit- und Fahrschule ihre Prüfungen ablegen? (Zur Erklärung: Auszubildende im Beruf „Pferdewirt“ aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, legen in der Landes Reit- und Fahrschule, die dem Gestüt angeschlossen ist, ihre Zwischen- und Abschlussprüfungen ab.)

Das Umweltministerium: Die Ausbildung der Fachkräfte soll weiter angeboten werden, aber an anderer Stelle. Hier sind noch keine Entscheidungen gefallen. Die überbetriebliche Ausbildung kann mit einem  anderen Standort vereinbart werden.

ETCD FreiZeitReiter: Die finanzielle Situation soll bei der Entscheidung keine Rolle gespielt haben. Es wird aber regelmäßig erwähnt, dass sie keine Rolle gespielt hat. Was steckt dahinter?

Das Umweltministerium: Das Budget des Landgestütes umfasst jährlich ca. 1,5 Millionen Euro. Davon werden ca. 0,3 Millionen Euro aus Einnahmen (z.B. Lehrgangsgebühren, Veranstaltungen, Vermietung) finanziert und 1,2 Millionen Euro aus Landesmitteln. Bei diesem Betrag noch nicht berücksichtigt sind die in den letzten Jahren getätigten Investitionen zur Sanierung der Denkmalgeschützten Bausubstanz.

ETCD FreiZeitReiter: Der Hauptkritikpunkt ist die Haltung der Pferde. Hier hat das Landgestüt erheblich nachgebessert. Warum wird das nicht berücksichtigt?

Das Umweltministerium: Es hat in den letzten Jahren Verbesserungen bei der Haltung der Pferde gegeben. Diese sind jedoch nicht ausreichend.

In der Vergangenheit gab es andere rechtliche Vorgaben (Bundesrecht) und Leitlinien für die Pferdehaltung. Nachdem diese novelliert wurden, wurden Anstrengungen unternommen, die Tierwohlsituation zu verbessern, z.B. durch die Errichtung von Paddocks im Innenhof, Reduzierung der Tierzahl, Veränderung der Abläufe (z.B. Freilaufen von Pferden in der Halle).

Letztlich wurde deutlich, dass die aktuellen Vorgaben nicht für jedes Pferd dort umgesetzt werden können. Das Land hat eine Vorbildfunktion, der es mit der derzeitigen Tierhaltung in Dillenburg nicht gerecht wird.

Bereits am 4. Dezember 2006 stellte das Verwaltungsgericht Düsseldorf fest, dass Pferde täglich mehrstündigen freien Auslauf brauchen, unabhängig von Wetter oder Jahreszeiten.

Seit 2009 ist  die Vorgabe nach täglichem, freien Auslauf Grundlage der tierschutzrechtlichen Vorgaben zur  Pferdehaltung (Konkretisierung des § 2 Tierschutzgesetz) und von gerichtlichen Urteilen. So bestätigte beispielsweise das Landgericht München eben diese Notwendigkeit in seinem Urteil vom 15. August 2014, ebenso das Oberverwaltungsgericht Lüneburg vom 29. Februar 2016. Aufgrund der mittel- bis langfristigen Entwicklung, dass Tierschutzaspekte immer stärker in der Rechtsprechung berücksichtigt und akzentuiert werden, würden die Anforderungen an ein Gestüt in Zukunft eher steigen.

Aufgrund der Lage innerhalb des Stadtgebietes, ohne direkten Zugang zu Weiden oder Koppeln, bestehen besondere Anforderungen des Tierschutzes an die Haltung der Pferde. Eine tierwohlgerechte Haltung, die der Vorbildfunktion eines vom Land betriebenen Gestüts gerecht werden würde, kann auch bei weiteren Baumaßnahmen wie „Aktivstall“ und „weitere Paddocks“ mittel- und langfristig nicht gewährleistet werden. Insbesondere kann ein mehrstündiger täglicher Freilauf nicht sichergestellt werden, zumal die Bewegung an Führmaschinen nicht als freier Auslauf gewertet wird und Reithallen oder Reitplätze nur bedingt für den freien Auslauf geeignet sind. Aufgrund der Innenstadtlage des Landgestüts ist weder die Bereitstellung der erforderlichen Auslaufflächen möglich, noch ist ein regelmäßiger Weidegang der Pferde, wie ihn eine tierwohlgerechte Haltung eigentlich erfordern würde, darstellbar.

Kommentar der ETCD FreiZeitReiter

 

Über 100 Hektar hatte das Landgestüt Dillenburg, das Aushängeschild der hessischen Pferdezucht ursprünglich zur Verfügung. Heute befinden sich dort Industrieanlagen und Wohnungen. Die Ländereien, allesamt in Besitz des Landes, wurden dem Gestüt im Laufe der Zeit genommen. Bis irgendwann kaum noch Weideland zur Verfügung stand. Jetzt hat das Land den Tierschutz entdeckt und verwendet – jetzt wird es wirklich absurd – die mit Unterstützung der Reiterverbände entwickelten Leitlinien gegen das Gestüt. Um der Erklärung aber so richtig Kraft zu verleihen, wird ein Gerichtsurteil zitiert. Offensichtlich soll den Pferdehaltern nun vermittelt werden, dass im Jahr 2006 Juristen zu der bahnbrechenden Erkenntnis gelangt sind, dass Pferde Auslauf brauchen.

Das ist aber in Dillenburg gar nicht das Problem. Ja, man hat ihnen die Weiden weggenommen, aber natürlich kommen die Pferde raus. Sie gehen im Schulbetrieb, sie werden ausgeritten, sie haben Freilauf in der Halle und sie haben ihre Paddocks im Hof. Mehr geht nicht. Zur Erinnerung, das Land hat die Koppeln „verscherbelt“.

Dass es mit Hengsten im Deckeinsatz keine Ponyhofromantik gibt, das muss man Pferdeleuten auch nicht erklären. Dillenburgs Elitehengste sind kein Tierschutzfall. Die kann man nicht an liebe Pferdefreunde vermitteln, die ein paar Hektar Weideland besitzen. Aus gutem Grund nehmen nur sehr wenige Ställe überhaupt Hengste auf. Die Haltung ist schwierig, das Handling auch. Nur wenn die Hengste mit sich und der Welt im Einklang sind, kann man mit ihnen umgehen. Wie gut das in Dillenburg funktioniert, zeigt sich im hyperlink unten unter Veröffentlichungen.

Veröffentlichungen und warum die Dillenburger für den Erhalt ihres Gestüts kämpfen

Hessencam mit drei jungen Mädchen aus Dillenburg. Ein schöner Beitrag am Rande der Demonstration und warum die Dillenburger ihr Gestüt behalten müssen.

Die Dillenburger – nicht nur die Pferdefreunde –  haben eine eigene Facebookgruppe gegründet, um für das Landgestüt zu kämpfen. Hier äußert sich Robert Kuypers, Geschäftsführer des Pferdesportverbandes Hessen und fordert die Ministerin auf, sich mit den Verantwortlichen des Gestüts zusammen zu setzen und an Lösungen mitzuarbeiten. Zum Aufruf .

Diesen Beitrag möchten wir in seiner Länge Frau Prisca Hinz ganz besonders ans Herz legen. Für Mensch und Tier – so reagieren die Dillenburger. 

Auch die deutlichen Worte des Landrats stimmen nachdenklich. Seine Mitarbeiter überprüfen die Pferdehaltung und haben keine Einwände. Das Umweltministerium entscheidet aus der Distanz anders?

Scharfe Kritik am Ministerium

Und was sagt Jürgen Imrer? Der Landtagsabgeordente (CDU), erklärt: „Den Charakter einer Nation und eines Volkes erkennt man auch daran, wie es mit der eigenen Geschichte und der eigenen Kultur umgeht… Dillenburg hat über 400 Jahre eine wichtige Rolle in der Pferdezucht nicht nur in Hessen gehabt. Wir haben 148 Jahre Landgestüt Dillenburg und deshalb wäre eine Schließung ein kulturhistorischer Frevel.. und schädlich für die Region. Dieses Landgestüt hat den deutsch-französischen Krieg 1870/71 überstanden, es hat den ersten Weltkrieg überstanden, es hat den zweiten Weltkrieg überstanden und ich gehe davon aus, dass wir auch die Regierungszeit von Prisca Hinz überstehen“.

Ab Minute 7.45 spricht Robert Kuypers zur Begrifflichkeit des Auslaufes.

Wir, die ETCD FreiZeitReiter sagen ergänzend: Deutsche Nutztiere wären froh, wenn sie so viel Auslauf hätten wie die Dillenburger Pferde. Tierwohl in Mastbetrieben? Fehlanzeige!

Hier das Schreiben Lotz_Bouffier Gestuet von Dillenburgs Bürgermeister Michael Lotz an den Minsterpräsidenten Volker Bouffier.