Ausgeweidet: Pferdewiesen im Herbst

Es muss nicht der Rasen von Wimbledon sein und auch nicht das Green von Fancourt – eine einfache Weide genügt, um das Herz unserer Rösser höher schlagen zu lassen. Auch jetzt, wo das Herbstwetter erste Kapriolen schlägt, lieben die Pferde ihr grünes Paradies, auf dem sie fressen, toben und Sozialkontakte pflegen können. Allerdings muss die Herbstwiese zum Ende der Weidesaison sorgfältig gepflegt und auf die Bedürfnisse der Pferde in besonderem Maße geachtet werden!
wiese_frühjahr_gruenDer Grünlandaufwuchs im Herbst ist, so beschreibt Dr. Clara Berendonk von der Westfälischen Landwirtschaftskammer, im Vergleich zum Frühjahr durch geringeren Strukturgehalt bei gleichzeitig auch geringerer Energiekonzentration gekennzeichnet. Beredonk ergänzt: „Die Witterungs- und Wachstumsbedingungen im Herbst begünstigen zudem ein Mikroklima, das die Ausbreitung von pilzlichen Erkrankungen, insbesondere den Rostbefall besonders fördert.“  Die geringere Qualität des Herbstaufwuchses sei daher häufig die Ursache, dass das Grünland im Herbst in der Nutzung vernachlässigt wird. Ein Teufelskreis. Denn besonders die in der Intensivbewirtschaftung wichtigen Arten wie das Deutsche Weidelgras, aber auch die Wiesenrispe sind von Rost betroffen, wenn sie im Herbst nicht genutzt werden und in die Länge wachsen. Dann nämlich setzt sich der Rost mit Vorliebe an ihnen fest. „Sobald der Grünlandbestand erste Anzeichen von Rostbefall zeigt, ist es zur Verhinderung weiterer Ausbreitung zweckmäßig, den Aufwuchs abzumähen“, empfiehlt Dr. Clara Berendonk und erklärt: „Das neuaustreibende Grünland ist deutlich weniger rostanfällig.“ Sie rät trotz dieser Problematik zu einer rechtzeitigen  Herbstnutzung: „Soll ganzjährig ein hohes Energiepotenzial auf dem Dauergrünland sichergestellt werden, ist die kontinuierliche Nutzung unabdingbar. Sie ist auch wirtschaftlich interessant, denn die Beweidung erspart so manche maschinelle Grünlandverbesserungsmaßnahme.“
Wichtig ist allerdings, dass die Beweidung auch im Herbst mit hohem Weidedruck erfolgt, weil die Geilstellen und in der Folge der Pilzbefall ansonsten sehr schnell zunehmen. Ideal ist laut Beredonk die „intensiv geführte Kurzrasenweide“, bei der die Weidenarbe eine durchschnittliche Aufwuchshöhe von sieben Zentimetern auch im Herbst nicht überschreiten sollte. „Das Kurzhalten der Narbe bei gleichmäßigem Verbiss verhindert, dass sich der Rost ausbreiten kann und stellt sicher, dass sich die Untergräser, insbesondere das Deutsche Weidelgras, intensiv bestocken“, so die Expertin.

Gut gepflegt

Der Sommer hat seine Spuren hinterlassen. Egal ob zu trocken oder zu nass, im Herbst muss man auf die Konsequenzen der sommerlichen Witterung zu reagieren. In den Regionen, in denen es stark und anhaltend geregnet hat, kämpfen die Weidebesitzer nun mit stark verfilzten Narben. Der Grund: Von dem nassem Boden profitieren insbesondere flachwurzelnde Gräser wie die gemeine Rispe. Die sieht zwar schön aus, wird von den Pferden allerdings nur in jungem Zustand gefressen, später jedoch gemieden, sodass sie die Oberfläche des Bodens mit einem muffigen Filz überzieht. Da gibt es fast kein Durchkommen für andere Gräser. Deshalb sollte man trockene Phasen nutzen und den Narbenfilz durch scharfes Striegeln aufreißen und unmittelbar anschließend mit einer Nachsaat den Bestand mit wertvollen Gräsern aufwerten. Ein besonders trockener Sommer hingegen kommt den tiefer wurzelnden Pflanzen entgegen. Dr. Clara Berendonk: „Quecke, Ampfer, Brennnessel sowie das gefürchtete Jakobs-Kreuz-Kraut konnten sich ausdehnen und müssen entfernt werden. Anschließend sollte eine Nachsaat mit leistungsfähigen Gräsern erfolgen. Hier eignen sich speziell auf Pferdeweiden zugeschnittene Mischungen.“

Individuell zufüttern

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Vor allem ältere Pferde haben besondere Bedürfnisse und sollten zugefüttert werden, wenn die Weiden weniger hergeben. Foto: PSJ

Ähnlich wie im Frühjahr zu Beginn der Weidesaison steht den Pferden im Herbst eine Fütterungsumstellung mit dem Rückgang des Weideaufwuchses bevor. Solch eine Umstellung gilt es so zu gestalten, dass das Verdauungssystem des Pferdes so wenig wie möglich davon mitbekommt, denn gravierende und plötzliche Futterumstellungen können für die Pferdegesundheit gefährlich werden. Futterexperte Olaf Krause: „Im Vegetationsverlauf ändert sich die Zusammensetzung des Weideaufwuchses, so sinken beispielsweise im September Faser- und Proteingehalt bei einer während der Weidesaison kontinuierlich genutzten Weide. Zusätzlich hat der Standort einen Einfluss auf die Qualität des Aufwuchses während des Vegetationsverlaufes. Je nach Bodenart und Management der Weide ist eine gezielte Zufütterung im Herbst früher oder später nötig.“
Bei nachlassender Menge und Qualität des Weidegrases im Herbst laufen Pferde Gefahr, energetisch unterversorgt zu sein, wenn nicht mit Augenmaß zugefüttert wird. Eine solche Situation führt unter anderem dazu, dass der Organismus sich der eigenen Reserven bedient und Körperfett abbaut. Olaf Krause: „Dieser Vorgang ist besonders dann gefährlich, wenn Pferde über die Weidesaison größere Fettreserven aufgebaut haben. Eine so zwangsweise verordnete Reduktionsdiät ist nicht sinnvoll, sondern kann schlimmstenfalls zu Blutverfettung (Hyperlipidämie) führen. Von dieser häufig tödlich verlaufenden Komplikation sind leichtfuttrige Pferde eher betroffen.“ Die rückläufige Nahrungsgrundlage der Weide muss also durch Zufütterung ausgeglichen werden. Hierzu eignen sich Heu, Silage und Stroh, um die Rohfaserversorgung zu gewährleisten, sowie Kraftfutter für die Energie- und Proteinversorgung. „Unabhängig davon sollte stets eine frei zugängliche Vitamin- und Mineralstoffversorgung angeboten werden. Für den Weideaufenthalt haben sich hier wetterfeste Mineralleck­schalen bewährt. Für diesen Einsatz sind die auf Melasse und Öl basierenden Leckmassen als Königsklasse zu bezeichnen, da sie zusätzlich stark die Speichelproduktion anregen und Energie für die Rohfaserverdauung bereitstellen“, so Krause. Als Faustregel kann gelten: Pro fünf Pferde sollte eine Mineralleckschale angeboten werden.

Fellwechsel unterstützen

Die Weidephase sollte so lange wie möglich dauern. Idealerweise haben Pferde ganzjährig Weidegang oder Auslauf mit Sozialkontakt. Was die Temperaturempfindlichkeit angeht, sind Pferde deutlich toleranter als Menschen: Erst unterhalb von -15° C sind Energiezulagen für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur nötig! Insofern müssen Sie sich keine Gedanken bezüglich eines erhöhten Kalorienverbrauchs machen. Den haben die Pferde trotz herbstlicher Frische nicht. Anders sieht das mit den Bedürfnissen hinsichtlich des Fellwechsels aus, der im September in vollem Gange ist. Olaf Krause dazu: „Der Fellwechsel ist eine Stoffwechselleistung des Organismus, die durch Komponenten wie Leinöl und Biotinpräparate unterstützt werden sollte. Zusätzlich eignet sich ein Mash aus Getreidekleien und Leinsamen. Die aus dem Einweichvorgang resultierenden Schleimstoffe begünstigen eine störungsfreie Verdauung und erleichtern den Fellwechsel. Bleiben Ihre Pferde momentan noch komplett draußen, sollten diese Nahrungsmittel draußen gefüttert werden. Am besten geht das in einer langen Futterrinne, an der jedes Pferd seinen Platz findet und Zugang zu genügend Futter hat.“

Besondere Ansprüche

Die Entwicklungsphasen bei wachsenden Pferden einerseits und die Nutzung bei ausgewachsenen Pferden andererseits sind ausschlaggebend für die Rationsgestaltung. Absetzfohlen haben, wenn sie mit sechs Monaten von der Mutter getrennt werden, noch einen erhöhten Eiweißbedarf, der erst gegen Ende des ersten Lebensjahres sinkt. Daher sollten nur gut entwickelte Fohlen abgesetzt werden, die es gewohnt sind, Krippenfutter aufzunehmen. Für den  Absetzer stellt der protein- und energiearme Weideaufwuchs im Herbst nur einen geringen Anteil der für eine optimale Entwicklung benötigten Nährstoffe bereit. Hier wird der erfahrene Aufzüchter ein Ergänzungsfutter für Fohlen oder Zuchtstutenfutter einsetzen. Olaf Krause rät: „Es ist darauf zu achten, dass Absetzer aber hochwertig gefüttert werden. Das heißt, hier müssen hochwertige Krippenfuttermittel wie Ergänzungsfutter für Fohlen oder Zuchtstuten-Futter zum Einsatz kommen. Fohlen, die getreidereiche Rationen erhalten, zeigen sich oft fett, zu klein und stumpf im Fell. Dies ist auf die für die Entwicklung des Fohlens unzureichende Protein­qualität der üblicherweise verwendeten Getreide wie Hafer, Gerste und Mais zurückzuführen.“

Zuchtstuten kommen bis zum achten Trächtigkeitsmonat gut mit der Herbstweide und zusätzlicher Beifütterung in Form von Heu, Silage und/oder Krippenfutter je nach Weideleistung aus. Zeigt sich der Weideaufwuchs für die Jahreszeit üppig, kann mit der Zugabe von Stroh der Faserbedarf der Pferde gedeckt werden. Ist die Weide karg, sollte Heu oder Silage verwendet werden. „Je nach Bedeckungstermin kann sich die Zuchtstute bereits im September im achten Trächtigkeitsmonat befinden. Ab diesem Zeitpunkt ist die Fütterung auf den wachsenden Fötus auszurichten. Hier eignen sich für die Beifütterung Zuchtstutenfuttermittel, die dem moderaten Anstieg des Proteinbedarfs in dieser Phase Rechnung tragen“, so Olaf Krause.

Ähnlich wie der Zuchtstute liegt dem Freizeitpferd faserreiche Kost, sodass die Herbstweide nach Bedarf durch Raufuttermittel ergänzt werden kann. Für den Leistungsbedarf des Pferdes leistet sie je nach Zustand nur noch einen geringen Beitrag, sodass auf jeden Fall mit Krippenfutter für Sportpferde zugefüttert werden sollte. Olaf Krause erklärt: „Mit abnehmender Weidedauer und abnehmendem Futterangebot auf der Weide muss das Raufutterangebot angepasst werden. Raufutter kann im Stall und auf der Weide als Heu oder Silage angeboten werden.“ Damit das Raufutter nicht auf der Weide verteilt und zertreten wird, empfiehlt es sich, Heuraufen aufzustellen. Aber auch die guten alten Traktorreifen tun hier als Heuhalter ihre Dienste. Einen kompletten Rundballen Heu oder Silage auf die Weide zu fahren und den Pferden in Gänze vorzulegen ist nicht ratsam: Eine nicht portionierte Vorlage eines ganzen Heu-, Silage- oder Strohrund- oder Quaderballens begünstigt das Zertreten und Verschmutzen des Futters, wodurch die Fütterungsqualität sinkt und die Kosten pro Pferd steigen.

Ein optimales Management sorgt dafür, dass die Pferde möglichst durchgängig mit der Futteraufnahme beschäftigt sind. So wird Verdauungsstörungen und Verhaltensunarten vorgebeugt und die Haltung artgerechter gestaltet.                 Jessica Kaup/PFERDESPORT Journal