Bodenschule (Teil2): „…der Anfang vom Ende“

Der bewusste Anfang der Ausbildung und die „Einschulung in die Pferde-Grundschule“ bedeutet für das junge Pferd das Ende der „Pferde-Kindergartenzeit“. Julia Schwehn, Trainerin B „EWU“ und TGT-Trainerin Bodenschule, beginnt die – im Folgenden von Claudia Wieth, Trainerin B „FN“, begleiteten – ersten Übungseinheiten am liebsten im Roundpen, dies hängt aber vom Pferd ab.

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Das Jungpferd hat unter optimalen Bedingungen ein weitgehend freies, artgerechtes und selbstbestimmtes Leben in einer Pferdeherde geniessen dürfen. Es hat gelernt seinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden, sich zu integrieren, die Kommunikation der anderen Pferde zu verstehen, zu fragen und zu reagieren.
Die Kindergartenzeit des Jungpferdes ist dann zuende, wenn der Besitzer beschliesst, daß es nun Zeit ist für die Ausbildung zum Reit – oder Fahrpferd. Das Pferd wird „ eingeschult “ – der Anfang vom Ende der Kindergartenzeit und Vor-Schulzeit ist gekommen – die Grundschulzeit beginnt. Neue Umgebung, hohe Erwartungen, andere Menschen, urplötzlich vielleicht  in eine geschlossene Box gestellt, statt auf der weitläufigen Koppel ohne den besten Kumpel. All` dies und noch andere Faktoren mehr, führen zu emotionalem Stress und Unsicherheit, oder sogar Angst und Aggression. Hier ist der vorausschauende Mensch gefragt, eben diese Umstellung auf die neuen Begebenheiten für das Pferd so stressfrei wie möglich zu gestalten.

Wie kann man das Ziel erreichen? bodenschuleTeil2 (6)

Üblicherweise wird das Jungpferd in den Stall des Trainers gebracht, wo es mindestens für 12 Wochen zur Grundausbildung bleiben sollte. Im opimalen Fall hat das Jungpferd in dieser Zeit eine faire Bodenschule genossen, ist schonend an Trense und Sattel gewöhnt worden und versteht die Hilfen  des  Reiters vom Sattel aus. Es versteht, was es heisst, der freundlichen Reiterhand „Nach-Zu-Geben“ oder auf Schenkeldruck zu weichen und war auch auf dieser Anlage artgerecht untergebracht, hatte genügend Auslauf neben der neuen ungewohnten Arbeit und Kontakt zu Artgenossen fürs seelische Wohlbefinden. bodenschuleTeil2 (7)Nur wer sich genug Zeit, unter möglichst optimalen Trainingsbedingungen, nimmt und diese als Besitzer auch in sein Budget finanziell mit einplant , ermöglicht auch einem Trainer solide Arbeit abzuliefern, denn: Gut Ding  will Weile haben.
Julia hat sich im Vorfeld bei den Besitzern darüber erkundigt was bisher schon mit den Pferden gemacht worden ist. Bevor die „Gäste“ zum 1. Mal in den Roundpen gebracht werden, sollten sie Zeit gehabt haben sich an den neuen Stall und den evtl. Stallnachbarn zu gewöhnen. Denn nur wer sich schon etwas eingewöhnt hat, hat den Kopf frei für die Arbeit … denn dann braucht man sich sich ja keine Sorgen mehr um den Nachbarn und das Essen zu machen :)
bodenschuleTeil2 (8)Der Untergrund im Roundpen ist trotz winterlichen Wetterbedingungen bei unserer ersten Übungseinheit (ÜE) nicht rutschig. Auf keinen Fall sollte man so leichtsinnig sein und einen Bereich auf einer Wiese mit Flatterband abzäunen (gültig für jede Jahreszeit) und dies zum Longierzirkel auserwählen. Das Pferd erkennt die Wiese als den Raum an,wo es sich frei und ungezwungen bewegen darf. Eine Wiese hat keinen ebenen und stolperfreien, griffigen Untergrund und das Pferd könnte ausrutschen, es verliert das Vertrauen, es könnte sich sogar ernsthaft verletzen. Der Mensch hat die Verantwortung dafür zu sorgen, daß das Pferd in fester Umzäunung in allen „Ausbildungs-Lebenslagen“ auf dem vorgesehenen Arbeitsumfeld (Roundpen / Halle) stets sicher ist vor Verletzungen. Denn man muss immer von einer heftigen Reaktion des Pferdes ausgehen, wenn eine Aktion des Menschen vorausgegangen ist. Je nach Pferdetyp kann auch eine geringe Aktion des Menschen eine heftig Reaktion des Pferdes hervorrufen. Gerade dann muss man sich in  eher in einer sicheren Umrandung befinden, damit das Pferd nicht seinen „Arbeitsplatz“ unfreiwillig verlassen kann.
bodenschuleTeil2 (9)bodenschuleTeil2 (10)Julia findet nach dieser überschießenden Reaktion des Pferdes aufgrund ihrer Erfahrung als Ausbilderin sofort zu ihrem ruhigen und fundierten Ausbildungskonzept zurück und gibt dem Pferd schnell Sicherheit/Vertrauen sich dem Mensch wieder anzuschließen.

Das Fluchttier Pferd kann je nach Charakter, Temperament und menschlichen Vor-Erfahrungen eigene Ideen blitzschnell entwickeln und umsetzen, die dann auch für den Menschen gefährlich werden können. Die situationsangepasste Ausrüstung, wie Handschuhe und festes knöchelhohes Schuhwerk, sind unbedingt Voraussetzung.

Übungseinheit (ÜE )1:

Julia startet den systematischen Aufbau der Trainingstage mit dem Führtraining.

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DENN RICHTIGES FÜHREN WILL GELERNT SEIN!
… immer wenn wir uns mit dem Pferd beschäftigen und es am Halfter haben, dann führen wir es und das nimmt mindestens 90 Prozent des Umgangs mit dem Pferd ein …

Wichtige Ausrüstungsgegenstände für das Pferd sind: ein ungepolstertes normales Halfter, ein langer Führstrick ohne Panikhaken.

bodenschuleTeil2 (13)Um dem Pferd nicht sofort die falsche Verknüpfung zu geben, daß es im Roundpen immer zuerst freilaufen darf, führt Julia es mit Halfter und Führstrick in verschiedene Richtungen durch den Roundpen, wobei sie sich dem Pferdetempo anpaßt. Erst dann läßt sie es frei und es darf sich bewegen wie es möchte. Der Roundpen wird erkundet.

Julia schaut sich die Bewegungen und das Verhalten des Pferdes genau an, wobei man auch dann schon sehen kann, ob das Pferd taktsicher vorantritt, es eventuell klamm geht oder lahmt. Kein Individuum kann gut mitarbeiten, wenn es sich unwohl fühlt oder Schmerzen hat.Ein lahmendes oder anderweitig krankes Pferd sollte mit dem Besitzer wieder nach Hause fahren und sich auskurieren dürfen. bodenschuleTeil2 (15)Beim ungezwungenen Freilaufen kann man schon sehr viel über das Verhalten aussagen und auch die Reaktion auf den Menschen herausfinden. Habe sie es eher mit einem neugierigen, selbstsicheren, offensiven oder mit einem ängstlichen, unsicheren und defensiven Typ zu tun? Ordnet das Pferd sich schnell unter, sucht es die Nähe des Menschen oder ist es eher ein ignoranter Typ, der eigentlich meint den Menschen in seinem Leben nicht zu brauchen und lieber alleine auf Erkundungstour geht. Das Auge des geschulten Ausbilders kann dies und vieles mehr erkennen und in das spätere Ausbildungskonzept einarbeiten, denn „jedes Pferd ist anders und die Ausbildung ist der Maßanzug “.

Die Trainerin stellt sich auf das Jungpferd ein und beginnt das Führen mit System aufzubauen, so dass das Pferd den Menschen durch feinste Impulse besser verstehen lernt.

„Führen“ ist das, was wir im alltäglichen Umgang immer mit dem Pferd tun. Wir führen das Pferd in die Box und wieder hinaus, in die Halle, auf die Koppel, aus der Halle , von der Koppel zurück in den Stall , in den Hänger , aus dem Hänger heraus … etc. Doch manchmal fragt man sich WER hier WEN führt und WOHIN.

bodenschuleTeil2 (16)Das Führen des Pferdes beginnt Julia von der linken Seite des Pferdes aus. Dies ist die Seite von der sich die Menschen meistens dem Pferd nähern und es üblicherweise führen. Die Mehrzahl der Pferde sind das Herannahen des Menschen von  ihrer  linken Seite aus gewohnt, weil wir Menschen es daran gewöhnt  haben.  Zum Führen positioniert man sich im vorderen Mittelbereich des Pferdehalses.

 

bodenschuleTeil2 (17)Warum?
Aus dieser Führposition kann man immer am besten die vom Pferd angekündigte Reaktion erkennen, man hat einen relativ sicheren Standort und kann das Pferd gerade neben sich her führen um der natürlichen Schiefe des Pferdes vom Boden aus entgegen zu wirken.

Das Führen des Pferdes erfolgt von beiden Seiten und man wird für sich selber feststellen, daß es ungewohnt ist von der rechten Seite zu führen. Dies gilt für das Pferd ebenso, aber das sollte man üben, für sich und das Pferd. Meistens hat das Pferd eine Schokoladenseite, von der es eben lieber geführt wird. Das muß der Ausbilder registrieren, aber auch die andere Seite bewusst fördern. Wie auch später der Rechts- und Linksgalopp auf Abruf erlernt wird.
bodenschuleTeil2 (18)Mit leichten Vorwärtsimpulsen am Strick und Körpersprache gibt Julia das Signal anzutreten. Die Beiden schreiten `mal mit schnellerem Tempo, `mal mit langsameren Schritten voran.
Beim Führen passt sich das Pferd dem Tempo des Menschen an. Durch leichte Rückwärtsimpulse am Führstrick und Gewichtsverlagerung des eigenen Körpers nach hinten wird das Pferd verlangsamt. Schnell lernt es auf diese feine Hilfengebung  und den Menschen zu achten. Es hat die Körpersprache verstanden weil wir die gleiche Sprache wie das Pferd  sprechen

 

Nun beginnt Julia auch auf gebogenen Linien zu gehen – Handwechsel zu machen.
bodenschuleTeil2 (19)Aber wie geht das? Ist doch ganz einfach, werden vielleicht einige denken. Aber wie mache ich es so, dass es mir fürs spätere Reiten auch nützen kann.

Ganz einfach: ich tue es bewußt! Das Pferd wird immer von sich weg in die gebogene Linie bewegt. Die freischwebende Hand am Führstrick gibt den leichten Seitwärtsimpuls im richtigen Moment (Timing).

Das Pferd lernt durch diese Hilfengebung nicht auf die Vorhand zu fallen und in die Biegung reinzufallen, sondern die Schulter zu heben. Dies ist eine wichtige Gymnastizierung fürs spätere Reiten. Die Übung wird von beiden Seiten trainiert.
Nach max. 20-30 min. ist diese Übungseinheit beendet, da das Pferd sich sonst langweilen würde. Lieber 2 Mal täglich kürzere ÜE um einen bestmöglichen Lernerfolg zu erreichen und das Gelernte zu festigen, als eine zu lange ÜE, da das Pferd durch die (ungewohnten) Übungen, bei denen es sich sehr konzentrieren muss schnell  (geistig) müde wird. Mit diesen Führübungen hat man einen wichtigen Meilenstein in der Ausbildung gelegt.

bodenschuleTeil2 (20)Was hat das Pferd denn nun überhaupt gelernt in dieser ÜE1?

  •   sicheres Führen von beiden Seiten
  •   Anhalten, ruhiges Stehenbleiben  – mit Entspannungsübungen
  •   Antreten des Pferdes auf Impuls zum richtigen Zeitpunkt
  •   Schulterkontrolle auf gebogenen Linien
  •   das Pferd geht gerade neben dem Menschen her

Das Pferd lässt sich von beiden Seiten mit der Zeit immer sicherer führen ohne sich hinterherziehen zu lassen oder vorauszustürmen.
Das Jungpferd läßt sich durch ebensolche leichten Impulse anhalten und verweilt ruhig neben dem Menschen.
bodenschuleTeil2 (21)Während des Stehenbleibens werden immer wieder Entspannungsübungen gemacht. Durch leichten Druckaufbau hinter den Ohren im Genick wird das Pferd zum Abstrecken nach unten veranlasst. Es lernt gewissermaßen auf „Knopfdruck“ seine Halsmuskulatur zu entspannen und somit dem Druck nachzugeben. So soll es später auch mit dem Gebiss sein. Julia erreicht mit dieser Übung Nachgiebigkeit . Außerdem wartet das Pferd ab was als nächstes kommt und respektiert den Individualbereich des Menschen. Dies erreicht man nur, wenn man diese Übungsfolge immer wieder in die Alltagsroutine einbaut.

Auch wenn das eine Pferd äußerst eifrig und neugierig bei der Sache war und durch seinen Lerneifer, die von Julia erwünschten Lernerfolge erfüllt hat, kann und darf es bei anderen Pferden auch länger dauern.

Dieser Ausbildungsbeginn ist in seiner Einfachheit effektiv für das spätere Reiten und gymnastiziert das Pferd am Boden ohne es zu überfordern. Text: Claudia Wieth/Julia Schwehn

weitere Bilder von Claudia Wieth (in Kürze online): www.fotos-sind-toll.de
mehr Infos über die Autoren: www.fairplay4horses.de

Fortsetzung folgt: Teil 3 beschäftigt sich mit dem Thema
„Wer nicht leitet – der leidet“!