Der etwas andere Abschied – von der Arbeit einer Pferdebestatterin

Pferde bestatten? Für die meisten Pferdefreunde ist das trotz aller Liebe zum Tier undenkbar. Dass Haustiere im Garten begraben werden, ist hingegen für viele Tierfreunde selbstverständlich, und wo das nicht realisierbar ist, hilft der Tierbestatter. Er holt den verstorbenen Hausgenossen ab, kümmert sich um die Einäscherung und auch um die Beisetzung, die z. B. auf einem Tierfriedhof stattfinden kann. Lea Schenker ist eine solche Tierbestatterin. Aber sie kümmert sich nicht nur um Kleintiere, Katzen und Hunde. Sie ist Deutschlands wohl einzige Pferdebestatterin. Wir haben mit ihr gesprochen.

DieFreiZeitReiter: Frau Schenker, deutschlandweit sind Sie durch den Abtransport der sterblichen Überreste des Ponys Mario bekannt geworden, dem ehemaligen Zirkuspony, das durch eine Tierquälerin getötet wurde. Eine tragische Geschichte. Wir fragen uns heute: Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Lea Schenker: Ich habe früher in der Gastronomie gearbeitet, hatte etwa 40 Mitarbeiter und habe nur noch organisiert und geregelt. Dabei kam der Dienst am Gast viel zu kurz. Ich bin schließlich krank geworden, musste mich operieren lassen und mir wurde klar, dass es so nicht weiter geht. Also habe ich überlegt, was ich machen kann. Durch Zufall bin ich dann auf das Thema Tierbestattungen gestoßen und das, was ich gesehen habe, fand ich schrecklich. Trotzdem habe ich mich in die Materie eingearbeitet, auch in die rechtlichen Bestimmungen. Dabei ist mir aufgefallen, wie kompliziert das Thema Einäscherungen bei Pferden ist. In Deutschland ist das nämlich nicht erlaubt, in den Niederlanden schon.

Die FreiZeitReiter: Warum ist das in Deutschland verboten und in den Niederlanden erlaubt?

Lea Schenker: In den Niederlanden werden Pferde rechtlich als Haustiere betrachtet. In Deutschland sind es Nutztiere.

Die FreiZeitReiter: Also müssen Sie die toten Pferde in irgendein Krematorium in den Niederlanden transportieren?

Lea Schenker: Nicht in irgendein Krematorium. Ich arbeite mit zwei Krematorien zusammen, beide äschern die Pferde vollständig ein. Es gibt auch Krematorien, deren Öfen zu klein sind und aus diesem Grund gezwungen sind die Pferde zu zerteilen. Das wollte ich keinesfalls.

Die FreiZeitReiter: Dürfen denn tote Pferde – salopp ausgedrückt – herumgefahren werden?

Lea Schenker: Nein, das ist noch nicht erlaubt, die Krematorien, mit denen ich arbeite, haben eine Sondergenehmigung. Es ist auch in Deutschland noch nicht erlaubt, Pferde einzuäschern. Ich würde sehr gerne ein eigenes Krematorium bauen.

Die FreiZeitReiter: Die Tatsache, dass Pferde in Deutschland zu den Nutztieren zählen, bekommt der Tierhalter beim Tod des Pferdes natürlich mit voller Härte zu spüren. Was ist dabei Ihre Aufgabe?

Lea Schenker: Die Trauerbegleitung ist sehr wichtig. Wenn der Tod geplant ist, können die Menschen besser Abschied nehmen und noch ein paar unbeschwerte Tage mit ihrem Pferd verbringen. Das gibt mir die Möglichkeit, mit dem Pferdefreund Gespräche zu führen. So erfahre ich, was er sich wünscht und was ihn vielleicht überfordert.

Die FreiZeitReiter: Sie holen also nicht nur das Pferd ab?

Lea Schenker: Das entscheidet der Pferdebesitzer. Wir können uns gerne schon vorher treffen, ich bin ja auch viel unterwegs und kann das möglich machen. So lernen wir uns kennen und können ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Oft sind wir schon nach dem zweiten Gespräch per Du. Auf Wunsch bin ich auch beim Einschläfern dabei. Ich spreche auch mit dem Tierarzt, wenn das gewünscht wird, denn manche Pferdehalter sehen sich dazu nicht in der Lage.

Die FreiZeitReiter: Wie helfen Sie den Pferdehaltern, wenn Sie beim Einschläfern dabei sind?

Lea Schenker: Das Einschläfern eines Pferdes ist ganz anders, als das zum Beispiel bei einem Hund der Fall ist. Das Pferd versucht als Fluchttier, nicht zu fallen. Es kann sich wehren. Wenn es fällt, ist das aufgrund seiner Größe und des Gewichts ein gewaltiges Erlebnis. Das kann für den Pferdebesitzer ein ganz schlimmer Moment sein. Manche halten das nicht aus und auch mich nimmt so etwas immer mit.

Die FreiZeitReiter: Sagen Sie den Pferdehaltern vorher, was beim Einschläfern passiert?

Lea Schenker: Ich kläre den Pferdebesitzern im Vorfeld genau auf, was passieren wird und sage ihnen, dass sie sich auch vorher verabschieden können. Viele Pferdefreunde können ein solches Ereignis nicht einschätzen. Ich bleibe beim Pferd, der Besitzer kann wieder dazukommen, wenn das Pferd gestorben ist.

Die FreiZeitReiter: Wie ist denn dann der Ablauf, wenn der Tod nicht geplant ist, weil das Pferd plötzlich stirbt?

Lea Schenker: Auch dann kann ich helfen. Ich arbeite mit vier Mitarbeitern und wir sind rund um die Uhr erreichbar. Aber nur ich fahre auch raus und stehe den Pferdebesitzern persönlich bei und das funktioniert reibungslos.

Die FreiZeitReiter: Auch mit dem Transporter aus den Niederlanden?

Lea Schenker: Auch das ist kein Problem. Selbst bei sehr weiten Anfahrten. Mein Unternehmen hat seinen Sitz in Bergisch Gladbach in NRW, aber ich fahre überall hin.

Die FreiZeitReiter: Was passiert, wenn das Pferd tot ist? Wie wird es abtransportiert?

Lea Schenker: Im Normalfall werden die sterblichen Überreste der Tierkörperbeseitigung zugeführt, wenn keine andere Regelung durch einen Tierbestatter getroffen wurde. Die Tierkörperbeseitigung sieht für den Kadaver die Weiterverwertung für Seifen oder Klebstoff und Leime vor. Keine schöne Vorstellung für Pferdebesitzer und Tierliebhaber.

Die FreiZeitReiter: Was ist bei Ihnen anders?

Lea Schenker: Das Partnerkrematorium kommt immer mit zwei Mitarbeitern. Anders als beim anderen Abtransport muss hier niemand helfen. Es gibt auch keinen Greifarm, wie etwa bei der Tierkörperverwertung.

Die FreiZeitReiter: Wie bekommen Sie das Pferd auf den LKW?

Lea Schenker: Es gibt keinen LKW, sondern einen Pferdetransporter mit einer besonderen Innenausstattung. Das Pferd wird sanft verladen, das ist uns sehr wichtig. Je nach Unternehmen wird unterschiedlich gearbeitet. Ein Unternehmen arbeitet mit einer Art Hängematte. Das Pferd wird über den Rücken in die Matte gerollt, aber es gibt aber keine Berührung des Pferdes mit schwerem Gerät. Anschließend wird die Matte in ein fahrbares Gestell gehängt und so in den Hänger geschoben. Die Alternative ist eine Metallplatte, die neben das tote Pferd gelegt wird. Auch hier wird das Pferd über den Rücken auf die Platte gerollt. Diese Platte wird dann mit einer Winde vorsichtig auf den Hänger gezogen. Auch hier wird nicht das Pferd gezogen. Es kann dort auch nicht herunterfallen oder runterrutschen.

Die FreiZeitReiter: Und dann beginnt die Fahrt ins Krematorium?

Lea Schenker: Ja. Im Krematorium wird das Pferd, das in der Hängematte liegt, auf eine Bahre umgebettet. Dabei wird die Plane weggenommen. Das Pferd kommt anschließend in den großen Röhrenofen.

Das Pferd auf der Metallplatte wird mit der Platte angehoben und von dort aus über den Rücken auf einen riesigen Rost gedreht. Dieser Rost ist so groß wie eine Garage, und der wird dann in den Ofen geschoben.

Die FreiZeitReiter: Und dann bleibt nur Asche übrig?

Lea Schenker: Ja, es bleibt nur Asche übrig. Allerdings nicht in der Form, wie wir uns das vorstellen. In der Asche ist zum Teil noch die Struktur der Knochen erkennbar, aus diesem Grund wird sie – genau wie beim Menschen – noch gemahlen, damit sie nachher wie die Asche aussieht, wie wir kennen.

Die FreiZeitReiter: Was passiert dann?

Lea Schenker: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Ich kläre das in der Regel vorher, aber der Pferdebesitzer kann seine Meinung natürlich auch ändern, was vorkommt. Normalerweise bringe ich die Asche persönlich zum Pferdebesitzer. Sie befindet sich dann in einer oder in zwei schönen Schatzkisten. Ich verwende keine Plastikboxen oder Säcke. Man muss dazu wissen, dass ein großes Pferd gut 20-30 kg Asche ergibt. Ein Teil der Asche wird meistens in eine oder mehrere Urnen gefüllt. Z. B. bekommt die Reitbeteiligung oftmals als Erinnerung eine Urne.

Die FreiZeitReiter: Sie bieten auch an, einen Teil der Asche zu Schmuck zu verarbeiten?

Lea Schenker: Auch das ist möglich, sehr schön ist ein Hauch der Asche, der in den Schmuck eingearbeitet oder eingefüllt wird.

Die FreiZeitReiter: Und wenn jemand die Asche nicht haben möchte?

Lea Schenker: Auch das kommt vor. Das Meer ist nicht weit vom Krematorium entfernt. Ich kann die Asche dort verstreuen oder auch in einem wunderschönen Park, der zum Krematorium gehört. Die Fotos des Parks können sich die Pferdebesitzer auch im Internet ansehen und ich kann Ihnen sagen, auch wenn die Bilder schon atemberaubend sind, in Wirklichkeit ist es dort noch viel schöner.

Die FreiZeitReiter: Wir alle wissen, wie belastend der Tod eines Pferdes für seinen Besitzer sein kann. Sie leisten auch Trauerbegleitung?

Lea Schenker: Ja und das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Ich habe mich mit Trauerbegleitern für den Menschen getroffen und ausgetauscht, um herauszufinden, ob ich Trauerbegleitung ausüben kann, aber auch, um zu merken, wann ich meine Kompetenzen überschreite und die Trauernden an Psychologen weiterleiten muss. Mir war wichtig, wie Profis meine Fähigkeiten einschätzen. Glücklicherweise haben sie bestätigt, dass meine Tätigkeit wirklich genau meine Berufung ist.

Die FreiZeitReiter: Das können wir bestätigen. Wir haben uns vor dem Interview das Video mit dem Fjordpferd Filou angesehen. Die Bilder sind wirklich sehr berührend.

Lea Schenker: Bei diesem Video können Pferdebesitzer auch sehen, wie ein Pferd mit der Hängematte transportiert wird. Vielen hilft es, zu wissen, wie so etwas abläuft.

Die FreiZeitReiter: Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit. Sie bekommen sicher viele Fragen gestellt, aber gibt es etwas, was Sie Pferdebesitzern gerne sagen möchten?


Lea Schenker: Ja, das wollte ich gerade auch sagen. Ich bekomme keine Provisionen von Tierärzten und mir ist Transparenz sehr wichtig. Alles wird dokumentiert. Es gibt auch keine Massentransporte, denn wir transportieren immer nur ein Pferd und äschern auch immer nur ein Pferd ein. Ich weiß das Vertrauen der Pferdebesitzer sehr zu schätzen, darum schicke ich auch nie einen Mitarbeiter, sondern bin immer selbst da. Ich weiß auch aus eigener Erfahrung wie schrecklich es ist, nicht zu wissen, wo das eigene Tier gerade ist, was mit ihm passiert und wann die Asche wieder da ist. Außerdem lasse ich mich auf keinen Preiskampf ein. Ich will nicht günstiger arbeiten und dafür Kompromisse eingehen. Ich weiß, wie stark die Bindung zwischen Mensch und Tier sein kann.

Die FreiZeitReiter: Frau Schenker, gibt es etwas, was Sie sich wünschen?

Lea Schenker: Ja! Ich wünsche mir mehr Empathie, auch bei den Pferdebesitzern. Ich bekomme es in meinem Beruf leider auch mit, dass Pferde ausgetauscht werden, weil sie nicht mehr reitbar sind und „egal wohin“ weiterverkauft werden. Ganz schrecklich für mich ist die Tatsache, dass manch gesunde Pferde zum Schlachter kommen… Einfach nur furchtbar und herzlos – extrem traurig.

Die FreiZeitReiter: Dem schließen wir uns gerne an. Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit.

Wer sich bei Lea Schenker informieren möchte oder sie direkt kontaktieren möchte, wird auf dieser Seite fündig: www.lea-schenker.de und https://www.facebook.com/LeaSchenkerTierbestattungen/

Zum Fjordpferd Filou, dem Abschied und dem Abtransport unter der Begleitung von Lea Schenker:

https://www.youtube.com/watch?v=1AQBd5om8bU