Der Wolf – Chancen und Risiken der Wiederansiedlung

Am 19. Januar 1835 starb in Ascheberg- Herbern ein Wolf durch die Kugel des Jägers Josef Hennemann. Bis heute erinnern ein Denkmal und eine Gastwirtschaft mit dem Namen „Zum letzten Wolf“ an den Tod des letzten Wolfes in Westfalen. Aber nicht nur in Westfalen wurde der Beutegreifer stark bejagt, im gesamten Europa setzten ihm Jäger nach, töteten ihn und wo das nicht gelang, drängte man ihn massiv zurück. So wurde der Wolf das meist gejagte Raubtier in den europäischen Wäldern.

Der Wolf kehrt zurück

Die erste Sichtung der mittlerweile unter Schutz gestellten freilebenden Wölfe gelang Ende der 90er in Sachsen. Durch die geöffneten Grenzen waren sie aus Polen eingewandert und hatten Zuflucht in der Oberlausitz gefunden. Aber auch in anderen Bundesländern, vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein gibt es wieder Wölfe. Was Naturschützer mit Freude zur Kenntnis nehmen, sorgt zunehmend für Konflikte zwischen Wolfsbefürwortern und Kritikern. Letztere finden sich vor allem in den Reihen der Weidetierhalter.

So arbeiten Wissenschaftler und Verbände

Unwissen, Ängste und Sorgen, aber auch die Bereitschaft, sich intensiv für das Wildtier Wolf einzusetzen, haben die Einrichtung von Beratungsstellen nötig gemacht. Im Sommer 2015 befindet sich diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Sie ist eine Herausforderung für Behörden, Forscher, Weidetierhalter und Anwohner in den Gebieten, in denen der Wolf heimisch geworden ist oder heimisch werden wird.

Aufklärungsarbeit durch das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz

Einer der wichtigsten Ansprechpartner bei Fragen rund um den Wolf ist das Wolfsbüro Lausitz. Mit zwei Biologinnen und einer Forstwirtin koordiniert das Kontaktbüro seit 2004 die Öffentlichkeitsarbeit. Die Einrichtung wurde vom Sächsischen Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft und dem Niederschlesischen Oberlausitzkreis eingerichtet. Träger ist der Landkreis Görlitz. Das Kontaktbüro Lausitz arbeitet eng mit LUPUS zusammen, einem Institut für Wolfsmonitoring, das sich auf die wissenschaftliche Arbeit rund um den Wolf konzentriert.

Im Gespräch mit Vanessa Ludwig vom Kontaktbüro Lausitz

Vanessa Ludwig ist Biologin und Projektleiterin im Kontaktbüro Lausitz. Sie erklärt, dass es sich beim Wolf in Deutschland um den Europäischen (Eurasischen) Grauwolf handelt, der mit Wölfen in Mittel- und Westpolen eine Population bildet. Die Öffnung der Grenzen hat die Zuwanderung ermöglicht. Dass sie erst jetzt deutlich sichtbar werden, liegt ihrer fachlichen Meinung nach daran, dass sie zunächst sesshaft werden mussten. Die Voraussetzung dafür waren das Finden eines Territoriums und die Paarbildung, ein Prozess der Jahre dauert.

Wie viele Wölfe gibt es derzeit in Deutschland?

Basis für die Berechnung ist das biologische Wolfsjahr. Ein biologisches Wolfsjahr beginnt am 1.5. eines Jahres und endet am 30.4. Das Monitoringjahr 2013/2014 ergab:

  • 25 Rudel (Eltern mit Jungtieren)
  • 8 welpenlose Paare
  • 3 sesshafte Einzelwölfe

Die Zählung der Wölfe geschieht über die Territorien. Vanessa Ludwig erklärt, dass ein solches Territorium z.Z. in Deutschland eine Größe von etwa 250 km² hat.

Was bedeutet der Schutz des Wolfes?

Frau Ludwig erklärt dazu, dass der Wolf im Anhang IV der FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie) steht. Das bedeutet, dass er nicht bejagt werden darf. Sachsen hat den Wolf zwar in das Jagdrecht überführt, aber auch das heißt nicht, dass das die Jagd auf den Wolf erlaubt ist. In Polen wurde der Wolf bereits in Anlage V überführt. Dennoch darf er auch hier nicht bejagt werden, weil die Regierung noch keine Jagdzeiten angesetzt hat. Wenn sich das ändert, ist eine Bejagung in Polen allerdings möglich. In Teilen Spaniens hingegen wird der Wolf bejagt. In Deutschland bleibt der Schutzstatus erhalten, bis die Population den Erhaltungsstand erreicht hat. Die Voraussetzung ist also eine lebensfähige Population.

Wie verhält sich ein Wolf und wie ein Rudel?

Vanessa Ludwig führt aus, dass Wolfswelpen sehr neugierig sind. Erst im Alter von etwa zwei Jahren werden sie wieder scheuer. Im Frühjahr geborene Welpen sind im Winter auch schon allein im Territorium ihrer Eltern unterwegs. Die zweijährigen Tiere verlassen für gewöhnlich das Rudel, wandern ab und suchen sich einen Partner und ein eigenes Territorium. Tagsüber wird man sie selten sehen, in den Abend- und Morgenstunden schon eher und dann kann es auch sein, dass sie durch Dörfer streifen. Er ist es auch, der sich für die Mülltonne und Komposter interessiert. Zu seiner eigenen Sicherheit ist es wichtig, dass er bei seinen Streifzügen keinen Erfolg hat, denn sonst kommt er zurück und verliert seine Scheu. Vanessa Ludwig warnt deshalb auch davor, den Wolf anzufüttern oder Fleisch auf Komposter zu werfen.

Sie erklärt, dass ein Rudel für gewöhnlich aus dem Elternpaar, den diesjährigen Welpen und den Jungtieren des Vorjahres besteht. Mehr als einen Wurf pro Jahr haben Wölfe demnach nicht. In anderen Ländern kann ein Rudel aber auch aus mehreren erwachsenen Tieren bestehen. Das ist für den Wolf sinnvoll, wenn das Territorium erheblich größer ist, wie das z. B. in Nordamerika oder Skandinavien der Fall ist. Ein solches Territorium kann dann auch 1000 km² groß sein. Das hat auch Einfluss auf die Zusammensetzung des Rudels, das in diesem Fall aus 20 Tieren bestehen kann, und dafür gibt es gute Gründe, denn die Beutetiere sind erheblich größer. Auf dem Speiseplan des Wolfes stehen dann auch die großen Huftiere, wie z. B. Wisente und Elche.

Was jagt und frisst der Wolf?

Auf diese Frage erklärt Frau Ludwig, dass der Wolf auf Huftiere spezialisiert ist. Er passt sich dabei der Region an, in der er lebt. Diese große Fähigkeit zur Anpassung ist es auch, die den Wolf zu einem echten Kulturfolger machen kann. Er kann sich quasi überall ansiedeln, solange ihm Rückzugsmöglichkeiten für die Aufzucht der Welpen bleiben. In unseren Breitengraden bevorzugt er vor allem Rehe, Hirsche und Wildschweine.

Was ist Surplus-Killing und was ist natürliches Jagdverhalten?

Surplus-Killing bedeutet übersetzt „übermäßiges Töten“. Es ist eine Verhaltensweise beim Wolf, die vor allem Weidetierhalter beunruhigt und in den Medien als unnatürlich beschrieben wird. Kein Weidetierhalter nimmt es auf die leichte Schulter, wenn er bei der Kontrolle seiner Herde tote Tiere findet. Hinzu kommt, dass ein Wolfsangriff nicht zwingend mit dem Tod der Tiere endet. Möglicherweise leiden die Weidetiere über Stunden mit schwersten Verletzungen auf der Koppel. Die meisten Schafhalter halten ihre Tiere im Nebenerwerb und gehen tagsüber einem Beruf nach. Es ist ihnen daher nicht möglich, die Herde rund um die Uhr zu bewachen und das war in den letzten 150 Jahren auch nicht nötig.

Vanessa Ludwig erklärt dazu, dass der Wolf in der freien Natur nicht die Möglichkeit hat, mehrere Tiere auf einmal zu töten. Er hat aber ein Interesse daran, Fleisch zu bevorraten, wenn sich die Gelegenheit ergibt, schließlich hat er zumeist noch ein Rudel zu versorgen. Für den Wolf ist das Töten mehrerer Tiere kein Töten im Übermaß, sein Verhalten ist aus seiner Sicht sinnvoll. Hat er Erfolg und stellt er fest, dass die verbleibenden Tiere immer noch nicht flüchten, kann es auch vorkommen, dass er seine Welpen dazu holt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er satt ist oder nicht.

Der Wolf wird dennoch versuchen, mit möglichst wenig Kraftaufwand zu töten. Er ist auch in der Lage, Schwächen an den Tieren zu erkennen, die dem Besitzer vielleicht gar nicht bekannt sind.

Das Fazit

Der Wolf ist die Gesundheitspolizei des Waldes. Es ist seine Aufgabe, die schwächsten Tiere zu fangen. Damit leistet er in der freien Natur einen wertvollen Beitrag, denn nur die stärksten Tiere überleben. Es ist daher davon auszugehen, dass der Wolf auch in einer Schafherde zuerst die schwächeren Tiere (Jungtiere, kranke und unaufmerksame Tiere) fängt.

Auch das muss beim Schutz von Weidetieren berücksichtigt werden. Unter Umständen kann es besser sein, schwache und kranke Tiere nicht in der Herde zu belassen.

Die Beteiligung des Deutschen Jagdverbandes

Dass den Jägern Propaganda vorgeworfen wird, wenn sie sich zum Thema äußern, ist kein Geheimnis. Bei sachlicher Betrachtung sind Jäger aber möglicherweise ein für die Zukunft dringend notwendiges Bindeglied zwischen Weidetierhaltern und den mit dem Wolf befassten Ämtern. Dazu gehört vor allem die Aufgabe der Vergrämung, aber auch Unterstützung beim Monitoring. Der einzige Feind des Wolfes ist der Straßenverkehr. Hier beobachten alle Experten mit Sorge die steigenden Unfallzahlen. Jäger sind oft die ersten Ansprechpartner für die Autofahrer. Einen verletzten Wolf dürfen Jäger jedoch nicht töten. Das verbietet der Schutzstatus.

Wolf muss scheu bleiben fordert der Deutsche Jagdverband

Der Deutsche Jagdverband sieht seine Aufgaben u.a. in der Förderung des Natur- und Landschafts-, Umwelt- und Tierschutzes. Dazu gehört auch das Wildmonitoring.

Torsten Reinwald ist Biologe und Pressesprecher des Deutschen Jagdverbandes. Eine Konkurrenz zur Jagd sieht er nicht. „Der Wolf bereichert die Artenvielfalt,“ so Reinwald und „die deutschen Wälder sind artenreich und bieten genug Nahrung“. Konflikte prognostiziert der Biologe aber schon jetzt.“ Eine übergeordnete Bundesbehörde ist dringend notwendig und auch die Kommunikation über die Landesgrenzen hinaus muss klappen.“ Für den Deutschen Jagdverband ist außerdem wichtig zu wissen, was Wolfsexperten unter einem „auffälligen“ Wolf verstehen. Er wünscht sich ein verbessertes Monitoring und ist auch bereit, die Arbeit zu unterstützen. Die Informationsveranstaltungen des Verbandes, bei denen Wissenschaftler Jäger über den Wolf informieren sind bestens besucht.

Vergrämung muss vereinfacht werden

Unter Vergrämung ist die dauerhafte Vertreibung und damit das Fernhalten von Wild gemeint. Im Falle des Wolfs ist die Vergrämung eine der Präventionsmaßnahmen, zu der auch Naturschützer raten. Bislang ist der bürokratische Aufwand jedoch hoch. Die Probleme sieht der Deutsche Jagdverband auch deshalb, weil Jungwölfe in Ortsrandlage weiter ihr Scheu vor dem Menschen verlieren. So durchwühlen die Tiere Mülltonnen nach Fleisch. Die Einschätzung teilen die Experten vom Kontaktbüro Lausitz. Auch hier schätzt man die Vergrämung als schwierig ein und befindet sich im fachlichen Austausch mit anderen Ländern, um Erfahrungen zu sammeln.

„Abschüsse dürfen zudem kein Tabu sein“ und „Die Sicherheit des Menschen geht vor,“ sind die unmissverständlichen Aussagen von Torsten Reinwald für den Deutschen Jagdverband. Darüber hinaus appelliert der Deutsche Jagdverband an die Vernunft der Waldnutzer: „Keinesfalls darf der Wolf gefüttert werden!“

Der Schafzuchtverband zum Wolf

Frau Dr. Regina Walther vom Schafzuchtverband spricht klare Worte: „Die Weidetierhalter brauchen den Wolf nicht.“ Man werde ihn aber akzeptieren, schließlich ist der Wolf nicht die erste Herausforderung, mit der man sich befassen musste und die zu Einschränkungen geführt hat.

Schäfer haben mehr Aufwand und höhere Kosten

Kommt es zu Schäden durch den Wolf, leistet das Land Schadensersatz. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass der Schäfer den Mindestschutz eingehalten hat. Der Schafzuchtverband wertet diese Entwicklung als Erfolg, die man aber selbst erarbeitet hat und die mit Nachdruck durchgesetzt werden mussten.

Schafe leisten wertvollen Beitrag zum Landschaftsschutz

Schafe tragen erheblich zum Landschaftsschutz bei. Durch die Beweidung wirken sie der Verbuschung von Flächen entgegen und schaffen so Lebensgrundlagen für Bodenbrüter. Frau Dr. Walther betont, dass eine Gesellschaft, die den Wolf will, den Schafhaltern auch zugestehen muss, dass sie Kritik äußern dürfen.

Schafe sind wehrlos

Das Schaf selbst bezeichnet Frau Dr. Walther als wehrlos gegen den Wolf. Zwar können die Tiere gut klettern, sind aber keine schnellen Läufer. Selbst auf einer großen Fläche können sie dem Wolf nicht entkommen. Werden sie bedroht, beginnen sie zu „kreiseln“, einzelne Tiere sprengen dann heraus und werden vom Wolf angegriffen. Eine große Weide bietet daher keinen größeren Schutz für Schafe.

Der Herdenschutzhund

Zum Herdenschutzhund befragt, erklärt Dr. Regina Walther, dass der Einsatz von Herdenschutzhunden sich in einigen Fällen bewährt hat, aber insgesamt problematisch ist. Sie führt aus, dass die Haltung eines Herdenschutzhundes höchste Sachkenntnis beim Schafhalter erfordert. Zudem sind die Unterhaltskosten für einen solchen Hund sehr hoch. Sie hat außerdem feststellen müssen, dass der Bürger den Hund oft nicht akzeptiert, denn ein guter Herdenschutzhund verbellt Spaziergänger. Anzeigen gegen die Schafhalter waren schon mehrfach die Konsequenz daraus. Die Expertin führt außerdem an, dass die Landeshundeverordnungen in einigen Bundesländern viele Herdenschutzhunde als sogenannte Listenhunde führen. Die Voraussetzung für die Haltung und den Einsatz ist damit ein Wesenstest. Ein bestandener Wesenstest ist aber ihrer Überzeugung nach wiederum der Beweis dafür, dass dieser Hund als Herdenschutzhund nicht brauchbar ist. Frau Dr. Walter sieht darüber hinaus erhebliches Konfliktpotenzial mit Spaziergängern, Joggern und Mountainbikern. „Die können mit Herdenschutzhunden überhaupt nicht umgehen und bringen sich möglicherweise in Gefahr. Verantwortlich ist dann der Schafhalter“, führt sie ergänzend aus.

Das fordert der Schafzuchtverband

Frau Dr. Walther erklärt, dass die Gesetze nicht ausreichen und angepasst werden müssen. Vor allem sieht der Schafzuchtverband, dass die zeitraubende pro-contra-Debatte aufhören muss, damit endlich Lösungen erarbeitet werden können. Gewünscht ist eine zentrale Stelle, die als Ansprechpartner dient. Viele Fragen müssen noch beantwortet werden. Dazu gehören:

  • Wie viele Wölfe kommen noch?
  • Was ist das „artgerechte“ Verhalten eines Wolfes?
  • Wie wird sich der Wolf in dieser Kulturlandschaft verhalten (die Erfahrungen beziehen sich auf das Wissen von vor 150 Jahren unter völlig anderen Lebensbedingungen)
  • Wie soll der Herdenschutz optimiert werden?
  • Darf es das Ziel sein, die Weidehaltung komplett zu verändern und an den Wolf anzupassen?

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) zum Wolf

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) mit Sitz in Warendorf ist der Dachverband der Züchter, Reiter, Fahrer und Voltigierer in Deutschland. Generalsekretär Soenke Lauterbach fasst die Sorgen der Pferdehalter zusammen und erklärt, dass es keine gesonderte Information an die FN über den sich ausbreitenden Wolf gegeben hat, auch nicht über mögliche Gefahren für Pferde. Er musste außerdem feststellen, dass die Erkenntnisse von den beratenden Stellen nicht ausreichen, um eine umfassende Aufklärungskampagne zu starten. Soenke Lauterbach erklärt, dass die FN sich in Gesprächen mit weiteren Verbänden befindet und auch am „Runden Tisch“ des Bundesumweltministeriums beteiligt ist, an dem der dringend notwendige Austausch jetzt stattfindet. Man ist dabei, Konzepte zu entwickeln. „Dabei müssen die von den Wolfsberatern gemachten Erfahrungen mit den realisierbaren Schutzmaßnahmen in Einklang gebracht werden,“ so Lauterbach.

Reiter sehen den Wolf nicht als Gegner

Für die Deutsche Reiterliche Vereinigung ist der Wolf Teil der Natur. Daher gibt es auch kein Interesse daran, die Wiederansiedlung zu behindern. Allerdings wünscht sich der Verband einen Plan zum Schutz der Pferde. Soenke Lauterbach warnt, dass es auch nicht nur um den Schutz der eigenen Tiere, sondern auch den der Menschen geht. „Es darf nicht dazu kommen, dass Pferde aus den Weiden gejagt werden und dann möglicherweise Unfälle verursachen. Hier müssen rechtzeitig geeignete Maßnahmen ergriffen werden.“

NABU unterstützt und berät

Der NABU (Naturschutzbund) ist ein anerkannter Naturschutzverband, der eigene Forschungsinstitute unterhält und sich intensiv mit dem Thema Wolf befasst. Um gezielt aufklären zu können, greift der NABU regelmäßig Fragen über den Wolf auf, die von Experten beantwortet werden. Der NABU ist aber auch Ausbilder der Wolfsbotschafter. Diese Ehrenamtler informieren in Fachvorträgen über den Wolf und tragen so zur Umweltbildung bei. Der Verband beschäftigt aber auch hauptamtliche Wolfsexperten.

NABU sieht Aufklärungsbedarf

Im Gespräch mit Pressesprecherin Kathrin Klinkusch zeigt sich, dass auch der NABU die dringende Notwendigkeit einer noch besseren Aufklärung sieht. Man wird sich in naher Zukunft damit befassen, Jogger, Mountainbiker, Hundehalter und Reiter zu erreichen. Der NABU informiert, dass auch Anwohner in wolfsnahen Gebieten mehr Hilfe brauchen, um den Wolf fernzuhalten, denn auch das ist Teil des Wolfsschutzes. Der Naturschutzbund will keine Mystifizierung des Wolfes und warnt davor, den Wolf anzufüttern.

Das fordert der NABU

Übereinstimmend mit dem Kontaktbüro Lausitz erklärt Klinkusch, dass das Wissen um den Wolf gebündelt werden muss. Auch der NABU sieht die dringende Notwendigkeit eines Kompetenzzentrums. Außerdem müssen Managementpläne erarbeitet werden. Kritisch sieht der Naturschutzbund die Übergriffe auf Wölfe. An dieser Stelle fordert der Verband eine Stabsstelle Umweltkriminalität, wie es sie in NRW gibt, erklärt die Pressesprecherin Kathrin Klinkusch. Die Aussagen lassen sich leicht untermauern. Untersuchungen von überfahrenen Wölfen haben gezeigt, dass viele Tiere alte Schussverletzungen hatten.

Stellungnahme Bundesumweltministerium zum Wolf

Auf Anfrage reagiert das Bundesumweltministerium wie folgt:

Frage: Das BMUB (Bundesumweltministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit eingefügt) plant, ein Dokumentations- und Beratungszentrum einzurichten, in dem die Ergebnisse des Monitorings aus allen Bundesländern gesammelt werden. Wann wird der Plan umgesetzt?

Antwort: Vor wenigen Wochen haben die Bundesländer den Vorschlag des BMUB begrüßt und unterstützt, ein „Dokumentations- und Beratungszentrum des Bundes für den Wolf“ einzurichten. Das BMUB schafft nun zunächst die Grundlagen für den erfolgreichen Aufbau und Betrieb des Zentrums. Es werden auch weitere Gespräche mit den Bundesländern über den Austausch von Informationen vorbereitet. Aufgabe des Zentrums ist es, vielfältige Informationen zum Wolf aktuell verfügbar zu machen bzw. auszutauschen.

Frage: Die Mindestanforderungen an die Schutzmaßnahmen (Zäune) sind z. Z. nur bei Ziegen und Schafen die Voraussetzung für die Übernahme von Entschädigungen durch die Länder, wenn der Wolf der Verursacher war. Da mittlerweile auch Wölfe auf Pferdekoppeln gesichtet wurden und es derzeit einen Verdachtsfall mit einem toten Fohlen in Niedersachsen gibt: Raten Sie den Pferdehaltern ebenfalls ihre Zäune in den entsprechenden Regionen wolfssicher zu bauen? Sind Wolfsberater ggf. in der Lage, Pferdehalter konkret und vor allem kompetent vor Ort zu beraten? Welche Ansprechpartner empfehlen sich alternativ als Berater?

Antwort: Der Vorfall des fast vollständig aufgefressenen, neugeborenen Fohlens auf einer Weide bei Bispingen in Niedersachsen konnte wegen der schwierigen Spurenlage vor Ort nicht abschließend geklärt werden. Nach den Erfahrungen aus dem europäischen Ausland wird bei größeren Huftieren bislang angenommen, dass sie nur in geringem Maß gefährdet sind. Allenfalls Mutterkuhhaltung auf Freiweiden und junge Fohlen könnten vom Wolf gefährdet sein. Aufgrund der föderalen Struktur Deutschland sind die einzelnen Bundesländer für die Erarbeitung und Anwendung von Förderrichtlinien für die Ausgestaltung von Mindestanforderungen an die Präventionsmaßnahmen für Nutztier-  und Hobbytierhalter verantwortlich. Einige Bundesländer haben auch weitere Tierarten als Schafe und Ziegen in die Förderrichtlinien aufgenommen. Das BMUB hat einen Runden Tisch Wolf eingerichtet, in dem mit Ländern und Verbänden bergreifende Fragen des Wolfsmanagements besprochen werden sollen. Bei der nächsten Sitzung am 8. Juli 2015 soll die Verbesserung des Herdenschutzes unter Einbeziehung weiterer Nutztiere wie Kälber, Pferde, Gatterwild angesprochen werden. Die in den Wolfsländern tätigen Wolfsberater sind durchaus in der Lage, auch Ratschläge für Pferdehalter zu geben. Als alternative Ansprechpartner könnten sich Experten von Naturschutzverbänden erweisen, die teilweise in den Ländern die Aufklärungsarbeit unterstützen.

Frage: Aufklärende Kampagnen über den Wolf, seine Bedürfnisse und seine Lebensräume scheinen zu fehlen oder unterzugehen. Die Verunsicherung, aber auch die verschiedenen Grundhaltungen zum Wolf gehen bei den Bürgern stark auseinander. Gibt es geplante Maßnahmen, die geeignet sind, Unsicherheiten zu beseitigen und mehr kompetente Ansprechpartner zu benennen?

Antwort: In den Bundesländern mit Wolfsvorkommen bieten staatliche Stellen wie auch Naturschutzverbände laufend Vortragsreihen zur Rückkehr des Wolfes nach Deutschland an, um die Bevölkerung zu informieren. Für Interessierte gibt es ein gutes Informationsangebot in den Ländern. In der Praxis ist es allerdings oft so, dass sich potenziell Betroffene erst dann mit dem Wolf und seinen Eigenheiten auseinandersetzen, wenn dieser unmittelbar im eigenen Umfeld auftaucht. Die Angebote werden teilweise erst spät genutzt.

Frage: Der Wolf stellt auch die Menschen vor eine Herausforderung, die zwar im ländlichen Raum leben, den Umgang mit Tieren und der Natur aber nicht gewohnt sind. Als Beispiel dient der Jogger, der mit Kopfhörer durch den Wald läuft. Aber auch Natur liebende Laien, die sich dem Wolf an die Fersen heften wollen, könnten sich und den Wolf ohne böse Absicht in Schwierigkeiten bringen. Wie erreichen Sie solche Waldnutzer?

Antwort: Auf die Antwort zu Frage 3 wird verwiesen. Ganz allgemein gilt, dass bei Freizeitaktivitäten im Freien, insbesondere im Wald, den dort lebenden Tieren mit der nötigen Vorsicht und Aufmerksamkeit begegnet werden sollte. Der Wolf, aber auch Wildschweine und  andere Wildtiere nehmen den Menschen meist viel früher wahr als umgekehrt und ziehen sich darum in den allermeisten Fällen zurück. Sollte man dennoch unverhofft auf einen Wolf treffen, so gilt es sich bemerkbar zu machen und sich danach ruhig und ohne Hast zurückzuziehen, wobei man dem Wolf nicht den Rücken zuwenden sollte.

Frage: Welche Vorteile sieht das Bundesumweltamt durch die Rückkehr der Wölfe für Mensch und Natur?

Antwort: Der Wolf ist eine in Deutschland natürlich vorkommende Tierart. Er gehört in unser Ökosystem und hat darin seine Funktion. Der Wolf hat einen positiven Einfluss auf die Fitness seiner freilebenden Beutetierarten. Er führt damit zu einem natürlicheren Ökosystem. Für gefährdete Tierarten – dazu gehört der Wolf – gilt es lebensfähige Bestände aufzubauen und sie zu erhalten. Seine Präsenz muss mit Aufklärungsarbeit und Hilfe bei der Prävention und bei Schäden an Nutztieren begleitet werden, um Mehrbelastungen und Konflikte in tolerierbaren Grenzen zu halten.

Ergänzung: Bei dem bereits eingerichteten „Runden Tisch“ gehen Länder und Verbände in den Austausch zum Wolfsmanagement. Dazu gehört auch die Verbesserung des Herdenschutzes unter Einbeziehung weiterer Nutztiere, wie Kälber, Pferde und Gatterwild.

Zusammenfassung und weitere Erkenntnisse zum Wolf

Ist der Wolf für den Menschen gefährlich?

Laut Aussage des Kontaktbüros Lausitz sieht der Wolf den Menschen nicht als Beute. Es gibt auch in der einschlägigen Literatur keine Hinweise, die auf das Gegenteil hindeuten. Vanessa Ludwig erklärt dennoch, dass in früheren Zeiten, als Kinder noch als Schafhirten eingesetzt wurden, durchaus menschliche Opfer zu beklagen waren. Günter Bloch, Buchautor und Wolfsexperte und Gründer der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, nimmt in seinem neuen Buch (Der Wolf ist zurück. Was mache ich, wenn… Günter Bloch und Elli H. Radinger) Stellung. Zum Wolf, der in der Nähe des Waldkindergartens gesehen wurde, geht er davon aus, dass der Wolf durch den „Trubel“ angelockt wurde. Er sieht Waldspaziergänge auch in Zukunft nicht als problematisch, rät aber dazu, Kinder nicht ohne die Begleitung Erwachsener durch den Wald laufen zu lassen. So ist gewährleistet, dass jemand anwesend ist, der einen sich nähernden Wolf durch energisches Auftreten verjagen kann. Auch mahnt er Aufklärung an. Dazu gehört, dass Kinder dem Wolf nicht etwa nachlaufen. Als optimale Maßnahme empfiehlt er einen Zaun zum Schutz um den Waldkindergarten. Die Sorge der Eltern bezeichnet er als verständlich. Bloch rät zu Schutzzonen in den Wäldern, vor allem dort, wo Wölfe ihre Jungen aufziehen. Zwar sieht er keine Gefahren für den Menschen durch aufgescheuchte Wölfe, aber insgesamt eine Störung der Natur.

Medien und Verbände sind gefordert

An dieser Stelle ist festzustellen, dass die Berichterstattung über den Wolf oftmals unglückliche Ausmaße annimmt. Günter Bloch und Torsten Reinwald nehmen keine Außenseiterpositionen ein, wenn sie erklären, dass die Bevölkerung aufgeklärt werden muss. Der Wolf ist weder gut noch böse. Fernsehreportagen, in denen Kinder vor laufender Kamera durch den Wald laufen und auf Fragen begeistert erklären: „ Der Wolf ist lieb,“ sind Hinweise auf eine vollkommen falsche Informationspolitik, die gefährliche Folgen haben kann. Ein Richtungswechsel ist dringend erforderlich.

Im Ergebnis darf der Wolf weder heroisiert noch vorverurteilt werden. Besonders bei der naturfernen Bevölkerung ist die Aufklärung überfällig. Das zeigt sich auch anhand der Anfeindungen, denen sich besorgte und geschädigte Nutztierhalter ausgesetzt sehen, wie Frau Dr. Walther vom Schafzuchtverband zu berichten weiß. Darüber hinaus wird die Arbeit der Naturschutzverbände erheblich erschwert, wenn sie sich immer wieder mit Propaganda befassen müssen.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der Wolfsfeind für den Wolf ebenso gefährlich ist, wie der „Wolfskuschler“, wie er im Netz gerne genannt wird und für den der Wolf „süß“ und „toll“ ist. Hier sind die Naturschutzverbände und Ministerien aufgefordert, die Aufklärungsarbeit zu optimieren und die freien Medien in die Pflicht zu nehmen. Der pädagogische Auftrag muss lauten, den Bürgern zu vermitteln, dass die Natur nicht harmlos und der Wolf nicht lieb ist. Kinder können darüber hinaus verstehen, dass der Wald das Wohnzimmer des Wolfes ist und dass er dort nicht gestört werden möchte. Angst zu verbreiten ist unnötig, Respekt vor der Natur und ihren Tieren zu vermitteln, hingegen zwingend nötig.

Angewandter Herdenschutz

Die Mindestanforderungen für Zäune werden in den Bundesländern unterschiedlich formuliert und sind teilweise noch gar nicht vorhanden. Bislang gelten sie z. B. in Sachsen für Schafe, Ziegen und Gatterwild. Die Mindestanforderungen werden aber landesweit diskutiert. Sie können die Voraussetzung dafür sein, dass der Tierhalter im Falle eines Wolfsangriffs entschädigt wird.

Die Voraussetzung, bzw. Empfehlungen lauten im Juni 2015:

  • 90 cm Elektrozaun (Flexinetz)
  • Zaun muss Strom führen (sonst reicht die Zaunhöhe nicht aus)
  • mindestens 5 Litzen im Abstand von höchstens 20 cm
  • untere Litze (mit Strom) maximal 20 cm vom Boden entfernt

Bei einem Zaun ohne Strom

  • Mindesthöhe 120 cm und höher
  • Knotengitter
  • Zaun (möglichst, nicht zwingend) 30 cm tief eingraben

Alle Zäune müssen natürlich geschlossen sein. Insgesamt hat der Wolf eher die Neigung einen Zaun zu untergraben, als darüber zu springen oder zu klettern. Das bedeutet nicht, dass er das nicht kann. Einen 100%igen Schutz kann es daher nicht geben.

Schadensfall

Wann und wem Schadensersatz geleistet wird, regeln die Länder selbst. Hier gibt es deutliche Abweichungen, auch in Bezug auf die Tierarten, die als unterschiedlich gefährdet eingestuft werden. Mit Stand Juni 2015 müssen auch Zuschüsse zur Prävention erst mit großem bürokratischen Aufwand beantragt werden. Eine schnellere Unterstützung wird zumeist gewährt, wenn sich abzeichnet, dass sich ein Wolfsrudel spezialisiert. Betroffene Weidetierhalter sollten sich bei Problemen nicht nur an die Behörde, sondern auch an den für sie zuständigen Verband wenden, da sie am „Runden Tisch“ des Bundesumweltamtes beteiligt sind. Das sind u.a. der Bauernverband, der Schafzuchtverband und die Deutsche Reiterliche Vereinigung.

(Carola Schiller)

Foto Copyright: S. Koerner / lupovision.de