Die Lena Story – Albtraum Reitunfall

Lena (Name geändert) verunglückte im Alter von 15 Jahren schwer während eines Ausrittes. Das ist 5 Jahre her. Die FreiZeitReiter haben Lena interviewt.

DieFreiZeitReiter: Hallo Lena. Vielen Dank, dass du mit uns über deine Geschichte sprechen willst.

Lena: Das ist schon ok. Ich finde das Thema wichtig.

DieFreiZeitReiter: Es geht ja um den Unfall, den du vor fünf Jahren hattest. Kannst du die Ereignisse kurz zusammenfassen?

Lena: Ja. Das war so. Ich erinnere mich an Stress in der Schule, etwas Krach mit meinen Eltern und ich war auch nicht ganz fair. Heute weiß ich das. Damals war alles ganz furchtbar. Ich bin also zum Stall abgehauen und wollte nur noch weg. Mein Pony Fido stand auf der Weide. Er hat gewiehert und mir ging es sofort besser. Bis dahin war alles normal. Ich habe ihn von der Weide geholt, geputzt, gesattelt, aufgetrenst und bin raus. Aber ich kam nicht weit. Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich wann und warum und wie falschgemacht habe. Jedenfalls war da die Mülltonne. Die stand immer da, aber an diesem Tag war es wohl zu viel. Fido hat gescheut. Ich fall nicht so schnell, bitte glaub das nicht. Aber da war einfach alles Mist. Und dann war da auch das Auto hinter mir. Ich wusste sofort, ich fall jetzt, das Scheuen konnte ich nicht aussitzen. Gott sei Dank konnte die Frau hinter mir bremsen.

DieFreiZeitReiter: Lena, wir Reiter kennen das Gefühl zu stürzen. War es dieses Mal anders?

Lena: erstmal nicht. Es ging einfach zu schnell. Ich wusste sofort, dass ich falle, ich habe die Stelle gesehen, auf die ich stürze und mich darauf eingestellt. Ihr kennt das.

DieFreiZeitReiter nickt

Lena: … und dann war da das Auto. Ich hab die Bremsen gehört, ich hab den Fido gesehen. Ich dachte, der rennt jetzt weg, aber er hat mich angestarrt. Ich konnte fühlen, wie erschrocken er war, mich da am Boden zu sehen. Und dann hörte ich ein Schreien.

DieFreiZeitReiter: wer hat geschrien?

Lena: Ich hab wohl geschrien. Aber ich weiß es nicht. Auf einmal waren da ganz viele Menschen. Die meisten kannte ich nicht. Mein Rücken hat so wehgetan, Fido war vor mir, dann war meine Mutter plötzlich da und meine Freundinnen aus dem Stall. Ich hatte Angst, aber an mehr erinner ich mich nicht. Man hat mir gesagt, dass ich plötzlich bewusstlos wurde. Ich bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht.

DieFreiZeitReiter: Das war ziemlich viel für dich. Woran erinnerst du dich noch?

Lena: Ich hatte Prellungen überall und eine Gehirnerschütterung. Der Chirurg kam und hat mir meinen Helm gezeigt. Der war gerissen. Ich war echt erschrocken. Das war kein Billighelm. Der Arzt hat mir gesagt, dass ich tot wäre, wenn ich den Helm nicht getragen hätte. Aber ich bin immer mit Helm geritten. Fünf Tage später durfte ich nach Hause.

DieFreiZeitReiter: was hast du gedacht, als du entlassen wurdest

Lena: Ich dachte echt, jetzt wird alles gut. Ich musste eine Arbeit nachschreiben. Meine Eltern haben sich toll gekümmert, meine Freundinnen waren für mich da. Was dann passierte hat mich völlig unvorbereitet getroffen.

DieFreiZeitReiter was genau meinst du?

Lena: es war ja erstmal alles gut. Ich wollte aufs Pferd, aber ich sollte mich schonen. Wir haben zu Hause und am Stall viele Witze darüber gerissen. Endlich kam das ok, vom Arzt und ich wollte mit meinen besten Freundinnen ausreiten.

DieFreiZeitReiter: Es war anders als sonst, oder?

Lena: Ja. Aufsteigen war ok, als wir vom Hof reiten wollten, ging´s mir schon nicht gut. Auf dem Weg zur Straße ging dann gar nichts mehr.

DieFreiZeitReiter: was ist passiert?

Lena: Ich wollte nur absteigen. Als ich unten war, war wieder alles gut und mir war das sooo peinlich.
Aber ich konnte einfach nicht. Meine Angst war zu groß. In den nächsten Tagen habe ich es immer wieder versucht. Aber ich fing immer gleich an zu zittern oder mir wurde einfach schwindelig.

DieFreizeitreiter: Hast du mit jemandem darüber gesprochen?

Lena: Das war gar nicht nötig. Jeder hat es mitbekommen und ich muss echt sagen: Ich hatte wahnsinniges Glück. Meine Eltern hätte mir das Reiten ja auch verbieten können, aber sie fanden es wichtig, dass ich wieder zur Normalität zurückfinde.

DieFreizeitreiter: Hattest du auch sonst Probleme nach dem Unfall.

Lena: Ich war vorher eher der Typ sorglos. Das war vorbei. Bei lauten Geräuschen bin ich zusammengezuckt, ich hatte dann schließlich auch beim Radfahren Angst.

DieFreizeitreiter: Wie hat dein Umfeld reagiert?

Lena: Also meine Mutter hat sich nur noch Sorgen gemacht. Mein Vater meinte, dass ich mich entweder meinen Ängsten stellen muss oder es wird immer schlimmer. Das war mir aber auch klar. Aber es war unheimlich schwer. Ich war manchmal wie gelähmt.

DieFreiZeitReiter: Wie lange hat sich dein Zustand verschlimmert?

Lena: also das war bestimmt ein halbes Jahr. Ich war auch jeden Tag am Stall. Ich hab longiert und nochmal longiert. Dann hab ich mit Bodenarbeit angefangen und schließlich Zirkuslektionen eingeübt. Fahrradgefahren bin ich gar nicht mehr.

DieFreiZeitReiter: Und deine Freundinnen am Stall?

Lena: Ich hatte ja ständig eine Ausrede. Entweder tat mir der Rücken weh oder ich hätte nicht genug Zeit und beim Fahrradfahren habe ich schließlich irgendwelche Schäden am Rad erfunden. Aber meine besten Freundinnen haben mir das nicht durchgehen lassen. Wir hatten deshalb auch viel Streit. Aber die haben nicht lockergelassen.

>Die FreiZeitReiter: Hast du mal überlegt, dich von Fido zu trennen.

Lena: Ja, das habe ich. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich keine Zeit mehr hätte wegen der Schule. Ich habe sogar mehr gelernt, um das irgendwie zu beweisen. Aber meine Eltern haben das nicht akzeptiert. Sie wussten zu dem Zeitpunkt längst, dass was nicht stimmt und hatten auch schon mit einer Selbsthilfegruppe Kontakt aufgenommen. Danach begann für mich eine ganz harte Zeit. Ich hatte ein langes Gespräch mit einem Therapeuten und in dem Moment habe ich begriffen, dass ich meine Möglichkeiten immer weiter reduziere, weil ich den Mut verloren hatte, mich Herausforderungen zu stellen, auch wenn es vielleicht schiefgeht.

DieFreiZeitReiter: Das hört sich an, als hättest du eine Entscheidung gefällt.

Lena: Ja, ziemlich genau ein Jahr nach dem Unfall habe ich meine Eltern um Hilfe gebeten, auch meine Freundinnen. Ich hab sie eingeladen und erzählt, wie es mir geht und dass ich mich nicht mehr aufs Pferd traue. Meine Freundin hatte dann einen tollen Vorschlag. Ihr eigenes Pferd hat eine Therapie-Ausbildung, weil ihre Mutter lange als Hippo-Therapeutin gearbeitet hat. Die haben wir dann auch angerufen. Schon am nächsten Tag stand ich mit wackeligen Knien vor dem Schimmel. Meine Freunde standen rechts und links vom Pferd und ich sollte über einen speziellen Tritt aufsteigen. Das hab ich auch irgendwie geschafft. Die Mutter meiner Freundin hat sich hinter mich gesetzt. Sie hat mich dann auch gehalten. Die anderen haben die „Enna“ geführt. Ich war starr vor Angst, aber Brigitte, die Mutter meiner Freundin, hat mir die ganze Zeit gesagt, wie ich atmen soll und zwischendurch hat sie Witze gemacht.

DieFreiZeitReiter: War das der Durchbruch?

Lena: Ja und Nein. Ich wollte nicht mehr runter von „Enna“ und ich wollte unbedingt im Anschluss auch allein reiten, aber sie haben darauf bestanden, mich zu führen. Ich bin in den folgenden 4 Wochen zweimal wöchentlich genauso geritten. Danach bin ich auf Fido umgestiegen. Meine Freundin hatte ihn ja in der Zwischenzeit schon etwas aufgebaut, das war wohl ganz gut so. Aber ich konnte ihn wirklich reiten. Erst geführt, dann an der Longe und nach 3 Monaten wieder allein und das auch nur, weil ich absolut keine Lust mehr auf Longe hatte. Ich denke, DAS war der Durchbruch.

DieFreiZeitReiter: hat sich gleichzeitig auch alles andere wieder geregelt?

Lena: Ja, das hat es. Ich war auch wütend auf mich. Es hat lange gedauert, bis ich mir meine Angst verzeihen konnte. Sehr lange.

DieFreiZeitReiter: Wie sieht es heute aus?

Lena: Ich habe mich durch den Unfall verändert. Und etwas habe ich auch davon zurückbehalten, das merke ich sehr deutlich, wenn ich vor großen Herausforderungen stehe. Es fällt mir auch schwerer Entscheidungen zu fällen. Ich grübel einfach mehr.

DieFreiZeitReiter: Was ist aus Fido und deinen Freundinnen geworden?

Lena (lacht): Dem Fido geht’s gut. Ich reite ihn fast täglich, aber ich reite nicht mehr so gern aus. An Straßen steige ich grundsätzlich ab und ich glaube, die Angst werde ich auch nicht mehr los. Es geht aber, wenn ich geführt werde, aber das will ich ja auch nicht. Meine Freundinnen sind zwar nicht mehr alle da, aber dafür sind andere hinzugekommen. Zu meiner besten Freundin und ihrer Mutter habe ich aber weiterhin eine enge Bindung. Die waren meine Rettung. Enna lebt leider nicht mehr. Aber ich war bei ihr, als sie gestorben ist und ich bin ihr zu ewigem Dank verpflichtet.

DieFreiZeitReiter: Vielen Dank Lena!

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