Hormonbehandlung gegen Fehlgeburten

Schon bisher wurden Stuten, die mehrfach ein Fohlen verloren hatten, erfolgreich mit dem künstlichen Hormon Altrenogest behandelt. Eine neue Studie belegt dessen genaue Wirkung und weist den Weg zu einer Hormontherapie.

Pferdeembryo am 14. Trächtigkeitstag: Die Fruchtblase ist als schwarze Ellipse erkennbar und von der Gebärmutterwand umgeben. Der 19,4 mal 15,5 mm große Embryo ist durch Kreuze gekennzeichnet.

Pferdeembryo am 14. Trächtigkeitstag: Die Fruchtblase ist als schwarze Ellipse erkennbar und von der Gebärmutterwand umgeben. Der 19,4 mal 15,5 mm große Embryo ist durch Kreuze gekennzeichnet. (c) PSJ Archiv

Eine von zehn Trächtigkeiten bei Stuten endet statistisch betrachtet mit einer frühen Fehlgeburt. Verlieren Stuten wiederholt ihre Trächtigkeit, werden sie häufig routinemäßig mit dem künstlichen Hormon Altrenogest behandelt, um die angenommene Ursache, einen Mangel des Hormons Progesteron, auszugleichen und den Verlauf künftiger Trächtigkeiten positiv zu beeinflussen. Bislang gab es jedoch keine wissenschaftlichen Untersuchungen darüber, ob und wie Altrenogest tatsächlich wirkt. Ein Team der Veterinärmedizinischen Universität Wien um Prof. Christine Aurich fand in einer Forschungsstudie kürzlich erstmals wissenschaftliche Hinweise dafür, dass Altrenogest Probleme beim Wachstum des Embryos ausgleicht.

Altrenogest wirkt wie Progesteron selbst

Besteht bei Stuten ein Progesteronmangel oder löst sich der das Progesteron bildende Gelbkörper auf, geht die Trächtigkeit verloren (der Gelbkörper entsteht bei Säugetieren während des Eisprungs). Demgegenüber war über Altrenogest bislang bekannt, dass es ähnlich wie Progesteron selbst wirkt und dass es experimentell bei Stuten, die keine Eierstöcke oder keinen Eierstockzyklus haben, die Trächtigkeit erhält, wenn man ihnen einen Embryo überträgt. Deshalb ging man davon aus, dass Altrenogest auch bei Stuten, die dazu neigen, ihren Embryo in der früheren Trächtigkeit zu verlieren, eine positive Wirkung haben könnte, sagt Aurich. Daneben ist es das einzige Gestagen (also ein Hormon), das bei Pferden auch nach oraler Gabe wirksam ist. Dieser Umstand stelle – angesichts dessen, dass Altrenogest täglich gegeben werden muss – eine große Vereinfachung dar, weil so die Besitzer ihre Stuten selbst behandeln können.

Künstliches Hormon wirkt anders als erwartet

Pferdeembryo am 45. Trächtigkeitstag: Als weißgraue Bereiche sind oben im Bild die Gebärmutterwand mit den durch eine feine schwarze Linie separierten, darunterliegenden Eihäuten zu erkennen. Im Fruchtwasser (schwarz) schwimmt der durch Kreuze gekennzeichnete 29,3 mal 13,9 mm große Embryo. Der vom Embryo nach oben links führende Strang ist die Nabelschnur.

Pferdeembryo am 45. Trächtigkeitstag: Als weißgraue Bereiche sind oben im Bild die Gebärmutterwand mit den durch eine feine schwarze Linie separierten, darunterliegenden Eihäuten zu erkennen. Im Fruchtwasser (schwarz) schwimmt der durch Kreuze gekennzeichnete 29,3 mal 13,9 mm große Embryo. Der vom Embryo nach oben links führende Strang ist die Nabelschnur.

Gemeinsam mit Kollegen aus Deutschland konnte die Wiener Professorin in der Studie belegen, wie Altrenogest den Trächtigkeitsverlauf beeinflusst. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass das künstliche Hormon zwar keine Wirkung auf die frühen Stadien der Trächtigkeit hat, in späteren Phasen allerdings dabei hilft, Probleme bei der Entwicklung des Fötus und insbesondere seiner Kontaktaufnahme mit der mütterlichen Gebärmutter durch positive Effekte an deren Schleimhaut auszugleichen. Die Funktionen der Gebärmutterschleimhaut, die für die Ernährung des Embryos (Produktion der so genannten Uterinmilch) und die später eintretende Plazentation, also die direkte Kontaktaufnahme zwischen Gebärmutterschleimhaut und Eihäuten, verantwortlich seien, würden unterstützt, sagt Christine Aurich. „Bestimmte Gene, die dafür verantwortlich sind, werden früher und effektiver angeschaltet.“
Anders als erwartet konnten Aurich und ihr Team keinen Einfluss von Altrenogest auf die Konzentrationen von luteinisierendem Hormon und Progesteron finden, zwei Hormone, die wichtig für den positiven Verlauf von Trächtigkeiten sind. Auch beeinflusst Altrenogest nicht die Wahrscheinlichkeit, mit der Stuten trächtig werden, zumindest nicht in den 22 Tagen nach der Befruchtung.

Nachwuchs älterer Stuten profitiert

Eine völlig neue Erkenntnis ist, dass Embryonen älterer Stuten nach zwanzig Tagen kleiner sind als die von jungen. Zudem zeigten die Untersuchungen, dass die ab dem 35. Trächtigkeitstag Fötus genannte Frucht bei älteren Stuten langsamer wächst. Altrenogest scheint diesen Unterschied aufzuheben, indem es dafür sorgt, dass die Frucht älterer Stuten mit normaler Geschwindigkeit weiterwachsen kann. Besonders in der zweiten sensiblen Entwicklungsphase, in der die Plazenta gebildet wird und der Embryo seine Organe entwickelt, zeigt er wieder normale Wachstumsraten. Die Forscher vermuten, dass Altrenogest die Bildung der Plazenta fördert. „Die kleineren Föten könnten der Grund sein, warum bei älteren Stuten häufiger Fehlgeburten auftreten“, sagt Aurich. Ursache für den Wachstumsrückstand sei möglicherweise eine schlechtere Qualität der Eizellen der älteren Stuten.

Über die beschriebenen Effekte an der Gebärmutterschleimhaut hinaus kann Altrenogest die Gebärmuttermuskulatur ruhigstellen und damit auch Wehen hemmen. „Allerdings verhindert die Gabe von Altrenogest keine Geburt oder Fehlgeburt“, sagt Aurich. Stuten, die bis zur Geburt ihres Nachwuchses experimentell mit Altrenogest behandelt wurden, brachten ihr Fohlen termingerecht zur Welt. Da sich die Behandlung mit Altrenogest aber sehr nachteilig auf die Lebensfähigkeit der Fohlen in den ersten Lebensstunden auswirkt, wird von einer Behandlung tragender Stuten bis zur Geburt abgeraten. Das Präparat sollte etwa um den 100. Trächtigkeitstag abgesetzt werden.

Weniger Fehlgeburten bei Hormontherapie?

Insgesamt weist die Studie, an der auch Gruppen des Veterinärmedizinischen Fachbereichs der Universität Gießen und des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit in Mariensee (Neustadt am Rübenberge) beteiligt waren, einen Weg zu einer Hormontherapie für Pferde. „Hormontherapien wirken bei Menschen bereits gegen Osteoporose“, sagt Christine Aurich. „Möglicherweise könnte eine Hormontherapie bei Pferden in Zukunft dabei helfen, Fehlgeburten zu vermeiden.“ Wer es detaillierter wissen möchte: Der Artikel „Effect of age and altrenogest treatment on conceptus development and secretion of LH, progesterone and eCG in early-pregnant mares“ mit den Forschungsergebnissen von Conrad Willmann, Gerhard Schuler, Bernd Hoffmann, Nahid Parvizi und Christine Aurich wurde in der Zeitschrift „Theriogenology“ (2011, Vol. 75(3), S. 421-428) veröffentlicht.

A.Haude/PSJ