Mangalarga Marchadores – (Gang-)Pferde ohne Grenzen

Mangalarga Marchadores, die eleganten Gangpferde aus Brasilien, bieten weit mehr als „nur“ einen weiteren bequemen Gang. Als vielseitige und zuverlässige Reitpferde begeisterten sie zwei Wochen lang FZR-Vorstandsmitglied Michael Woisetschläger, der den brasilianischen Zuchtverband Associacao Brasileira dos Criadores do Cavalo Mangalarga Marchadores (ABCCMM) in Belo Horizonte im Süden Brasiliens besuchte.

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Auch wenn die Marcha in Brasilien Hauptkriterium für gute Pferde ist – die meisten Pferde verfügen über einen guten, raumgreifenden Galopp.
(c) Archiv PSJ

Mangalarga Marchadores sind in Europa hauptsächlich durch diverse Showvorführungen auf Messen wie der Equitana oder der Euro Cheval bekannt – als Gangpferde südamerikanischer Abstammung zählen sie hierzulande zu den absoluten Exoten. Etwa 150 Mitglieder hat der europäische Verband der Mangalarga Marchador-Fans, die EAMM (European Association of Mangalarga Marchador). Umso eher erstaunt es, zu erfahren, dass Mangalarga Marchadores die drittgrößte Pferderasse der Welt darstellen. Im brasilianischen Verband ABCCMM sind 387.000 Pferde registriert. In Brasilien ist der Marchador das vielseitige Pferd schlechthin: Ausdauernd, menschenbezogen und leichtrittig vereint er die besten Eigenschaften seiner Vorfahren aus Spanien und Portugal. Das ausdrucksstarke Pferd verfügt über eine gute Dressurbegabung, ist sanftmütig, sensibel, leistungsbereit und leichtfüßig, ohne dabei heiß zu werden. Der ausgeprägt gute Charakter der Pferde, deren Rittigkeit und das erhabene Erscheinungsbild machen die Mangalarga Marchadores zum perfekten, vielseitig einsetzbaren Pferd für jedwede Herausforderungen. Ein Gratiszugabe bietet die Rasse zudem an: Mit der Marcha, einer erschütterungsfreien Gangart, lassen sich auch lange Strecken im Gelände komfortabel und überraschend flott zurücklegen.

Es begann mit Pferden aus der Alten Welt

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Vertrauensvoll und immer auf den Reiter konzentriert folgen Marchadores auch über schwierige Passagen wie diese baufällige Holzbrücke.
(c) Archiv PSJ

Ihren Ursprung nahm die Rasse der Mangalarga Marchadores Anfang des 19. Jahrhunderts. Auf der Flucht vor Napoleon Bonaparte war 1807 der portugiesische König Dom Joao VI nebst Gefolge und einigen Alter-Real-Pferden im Gepäck nach Brasilien übergesiedelt. Dom Joaos Sohn, der Prinzregent Dom Pedro I, schenkte dann 1812 seinem Freund, dem Baron von Alfenas, Gabriel Francisco Junqueira, einen Alter-Real-Hengst mit dem Namen Sublime. Im Süden der brasilianischen Region Minas Gerais, um die Stadt Cruzilla herum, wurde Sublime als Veredler einheimischer Stuten eingesetzt. Diese wiederum waren hauptsächlich Kreuzungsprodukte von Berbern und portugiesischer Landschläge.
Auf den weitläufigen Farmen und Kaffeeplantagen Brasiliens war das Pferd lange Zeit das wichtigste Transportmittel und musste vielseitigen Anforderungen gerecht werden: Als Reitpferd mit bequemer, für Pferd und Reiter kraftsparender Art der Fortbewegung über lange Strecken, als Arbeitspferd mit dem Vieh mit schneller Reaktionsfähigkeit und guter Mitarbeit und im Gelände mit extremer Trittsicherheit, Härte, Ausdauer und einem klaren Kopf, um Paniksituationen in unwegsamem Gebiet zu vermeiden. Durch Selektion der stets im praktischen Einsatz befindlichen Tiere entstand im Verlauf weniger Generationen vor allem im Herzen der Region Cruzilla in Minas Gervais eine homogene Rasse,  die Schönheit und Ausdauer mit weicher Gangart und sanftem Gemüt vereinte: Die Marchadores waren geboren.

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Die Jungpferde und die Zuchtstuten, hier auf Haras El Far, leben ganzjährig auf der Weide. Durch die robuste Art der Aufzucht und die speziellen klimatischen Bedingungen bringt die Zucht ausnehmend harte und gesunde Pferde hervor. (c) mw

Die Bezeichnung „Mangalarga“ geht übrigens auf die Fazenda gleichen Namens (Manga Larga in Paty do Alferes im Bundesstaat Rio de Janeiro) zurück, bedeutet aber im Brasilianischen auch „weitläufige Koppel“. Die Pferde der Fazenda wurden aufgrund ihres Ganges sehr geschätzt und so wurden im Süden von Minas Gerais bequeme Reitpferde bald unter dem Namen Mangalarga Marchadores gehandelt. 1934 wurde in Sao Paolo die Associação Brasileira dos Criadores de Cavalos da Raça Mangalarga (ABCCRM) gegründet. Vor allem Mitglieder der Familie Junqueira waren in die Region gezogen und züchteten systematisch Pferde – allerdings mit Anpassung an die dortigen veränderten Bedingungen und unter Einkreuzung anderer Gangpferde wie Morgan, American Saddle Horse und Hackney. Die traditionell orientierten Züchter im Süden Minas Gervais entschieden sich dagegen bewusst für die konsequente Fortführung der Zucht nach althergebrachten Kriterien und so wurde nach dem zweiten Weltkrieg, 1949, der Zuchtverband Associacao Brasileira dos Criadores do Cavalo Mangalarga Marchadores (ABCCMM) gegründet. Die Bilanz des Zuchtverbandes kann sich sehen lassen: Jährlich finden über 90 Auktionen statt, 25 festangestellte Mitarbeiter sind in der Geschäftsstelle des Verbandes in Belo Horizonte tätig und betreuen über 5.000 registrierte Züchter, deren 387.000 Pferde jährlich etwa 70.000 Fohlen zur Welt bringen.

Edel in der Erscheinung, nobel im Charakter

Varianten der Marcha

Marcha Batida

• Verschiebung in die diagonale Bewegung
• der Raumgriff ist im Batida-Rhythmus größer und somit die Frequenz der sich abwechselnden unterschiedlichen Fussfolgen niedriger.
• akustisch vernehmbar ist das Resultat: kurze, echoartige Doppeltakte.
• in der Seitenansicht kann – erwischt man den richtigen Moment – eine perfekte „M“-Formation der Beine ausgemacht werden.
• Batida-Pferde bewegen sich tendenziell regelmäßiger und gleichförmiger.
• geringfügige Schaukel-Bewegungen folgen eher dem „auf/ab“-Muster (deshalb vielleicht auch die Bezeichnung „trabverschobener Viertakt“)
• der Wechsel in den Galopp fällt den Batida-Pferden tendenziell leichter
• für (einfache) Dressur-Übungen sind sie i.d.R. geeigneter.

Marcha Picada

• Verschiebung in die laterale Bewegung
• die Schrittlänge ist kürzer und somit die Frequenz der sich abwechselnden unterschiedlichen Fußfolgen höher.
• das führt dazu, dass der akkustische Vier-Takt schneller, gleichzeitig jedoch wesentlich regelmäßiger und rhythmisch-gleichförmiger zu hören ist.
• auch hier können geringe Schaukelbewegungen erkennbar sein, die jedoch eher der Bewegungsrichtung „rechts-links“ folgen
• diese Variante ist auch deshalb besonders beliebt, weil vertikale Bewegungen des Reiters nahezu vollkommen unterbleiben.
• die Picada-Pferde können sich bei einem Tempowechsel zum Galopp etwas schwerer tun (Vierschlaggalopp).

Marcha de Centro (auch Marcha Ideal)
Alle Bemühungen, die unter diesen Namen zusammengefasst werden können, eint das Ziel, den Raumgriff und die Rhythmik der Batida-Pferde mit der Bequemlichkeit der Picada-Pferde in Einklang zu bringen.
Quelle: www.eamm.de

Der Mangalarga Marchador ist ein Vertreter der mittelgroßen Rassen mit einem Stockmaß zwischen 1,47 und 1,54 Meter bei Hengsten und 1,40 bis 1,54 Meter bei Stuten. Er hat eine kraftvolle und wohlproportionierte Struktur, soll kompakt und kurz im Rücken sein, mit einer langen Kruppe. Sicher auch wegen seiner iberischen Vorfahren, hat er einen noblen und harmonischen Ausdruck. Das glatte, bisweilen seidige Fell ist häufig in der Schimmelfarbe, seltener in Braun oder Schwarz, anzutreffen. Wobei in den letzten Jahren auch häufiger Schecken (in Brasilien: „Pampa“) zu finden sind.
Der Kopf des Mangalarga Marchadores soll in der Silhouette dreieckig sein und mit seiner breiten Stirn einen harmonischen Gesamteindruck vermitteln. Ein konvexes oder konkaves Profil ist unerwünscht. Die Augen sind groß und ausdrucksstark, mit langen Wimpern versehen. Die Ohren des Mangalarga Marchadores sind ein weiteres Erkennungsmerkmal: Sie sollen paralell, leicht sichelförmig, mit nach innen geneigten Ohrspitzen sein. Vor allem beim Betrachten noch recht unreifer Jährlinge fallen bisweilen die wachstumsbedingt recht großen Ohren auf.
Der Nacken und der pyramidenförmige Hals sollen gut definiert, biegsam und athletisch muskulös sein, bei Hengsten ist eine leicht konkave Wölbung erwünscht. Das Maul ist mittelgroß, die Lippen fest, gleich groß und gut beweglich. Die Nüstern sind größer proportioniert und sehr beweglich. Die Mähne soll laut Zuchtbuch feinhaarig und seidig sein, ist aber in der Realität in jeder beliebigen Version anzutreffen, auch lang und wellig. In Brasilien wird – wie auch auf der spanischen Halbinsel – den Stuten übrigens häufig die Mähne komplett geschoren, nur Wallache und Hengste zeigen ihr üppiges Haupthaar.
Der Körperbau des Mangalarga Marchadors ist sehr harmonisch: Mit einem gut definierten, langen Widerrist, einer tiefen, muskulösen und keinesfalls vorspringenden Brust und dem mittellangen bis kurzen Rücken mit ausgeprägter Muskulatur bietet die Rasse ideale Reitpferdepoints. Die Lende wird kurz und gerade gwünscht, mit harmonischer Verbindung vom Rücken zur Kruppe. Der Schweif mit kurzer Schweifrübe ist fest und nach unten gerichtet, die Spitze ist in der Bewegung vorzugsweise leicht nach oben gebogen.
Die Schulter des Mangalarga Marchadores ist eines seiner wichtigsten Merkmale: Lang und vor allem schräg vom Widerrist vorwärts-abwärts gerichtet, mit starker Muskulatur deutlich vom Hals abgezeichnet, fängt sie beim Auffußen in der Marcha das Gewicht weicher ab und bietet dem Reiter so größtmöglichen Komfort. Unterarm und Unterschenkel sind lang, muskulös und korrekt gestellt.
Bei korrekter Stellung wird das Sprunggelenk trocken und stark gewünscht, die Röhrbeine kräftig, Hinterröhren gerade, kurz, trocken, senkrecht stehend mit kräftigen und gut sichtbaren Sehnen. Ausgeprägte Gelenke und mittellange starke und schräge Fesseln, dabei die hinteren Fesseln etwas stärker geneigt als die vorderen (was das Abfußen geschmeidiger und den damit verbundenen Komfort größer macht).

Überzeugender Charakter

Mangalarga Marchadores sind zum Arbeiten gemacht, das fühlt man im Umgang mit diesen menschenbezogenen Pferden sehr deutlich. Arbeitswillig und freundlich, mitdenkend ohne dabei die Führung in Frage stellen zu wollen, sensibel und rittig, dabei aktiv und beweglich – mit diesen Eigenschaften setzen sich die brasilianischen Pferde an die Spitze der persönlichen Wunschliste. Besonders in ihrem Spezialgang, der Marcha, zeigen sich die Pferde  von ihrer besten Seite: Grazil und behende tragen sie den Reiter absolut trittsicher und dabei höchst komfortabel auch durch schwierigstes Gelände. Wer das erste Mal mit diesen Pferden in Kontakt kommt, wird begeistert einen Willen zu gefallen feststellen, der vielen anderen Rassen fehlt oder im Lauf der Zuchtgeschichte mit der damit verbundenen Spezialisierung abhanden gekommen ist. Pferde, die sich auf ihren Reiter und dessen Fähigkeiten einstellen und die im Extremfall auch völlig ungeübte Anfänger sicher über längere Strecken tragen – hierzulande klingt das beinahe wie ein Märchen, in Brasilien wundert sich darüber niemand.

Marcha – Don´t call it „Tölt“

Die Marcha, der rassetypische Gang, ist im Ursprungsland das Hauptkriterium zur Beurteilung eines Pferdes. Im Gegensatz zum Tölt der Islandpferde gibt es je nach Zuchtziel und Ausbildung des Mangalarga Marchadores recht unterschiedliche Ausprägungen der Marcha, die grob in Marcha Batida und Marcha Picada zu unterteilen ist. Die Varianten der Marcha finden Sie im Kasten auf der vorherigen Seite erklärt. Beides sind Viertakt-Gangarten, allerdings in unterschiedlicher Fußfolge. Die Marcha ist ein natürlicher, symmetrischer, vorwärtsgerichteter Viertakt-Gang. Im Gegensatz zum Trab, der lediglich über vier Phasen verfügt, kann der Gang Marcha in einen Kreislauf von acht ideal-typischen Phasen eingeteilt werden, in dem sich diagonale mit lateralen Fußfolgen abwechseln, die jeweils durch Dreibein-Fußfolgen unterbrochen werden. Ein optisches Merkmal der Marcha ist – von der Seite gesehen – die beim Fußwechsel einen Halbkreis beschreibende Anordnung der Gliedmaßen der Vorderbeine. Durch diese Bewegung ist das Aufkommen der Vorderbeine besonders weich und macht das Reiten auf solchen Pferden besonders bequem. Ein energisches Vorwärts in der Bewegung ist gewünscht, die Hinterhufe sollen die Vorderhuf-Abdrücke mindestens decken oder sogar überlappen.
Die Beschreibung der Varianten der Marchas ist jedoch lediglich eine Idealbeschreibung und in der Praxis selten in exakt dieser Form zu finden. Jeder Marchador zeigt je nach Ausbildung und Erfahrung des Reiters verschiedene Nuancen seines Repertoires, es gibt sogar Pferde, die beide Varianten anbieten.

Mangalarga Marchadores – Pferde ohne Grenzen

Auch wenn der Mangalarga Marchador aufgrund seines Ganges nicht für die europäischen Disziplinen wie Springen oder Dressur gezüchtet ist, Spaß haben und anspruchsvoll reiten lässt sich mit ihm auf alle Fälle. Der vielfältige Einsatz wird heute bereits bei den brasilianischen Meisterschaften im Rahmen der so genannten „Prova funçional“ geprüft, einer Prüfung, die Geschicklichkeit, Springen, Geschwindigkeit und Dressur beinhaltet. Und auch hierzulande gilt: Ob dressurmäßig leichtfüßig auf dem Reitplatz, beim Überwinden kleinerer Hindernisse im Gelände oder auf langer Strecke bei Distanz- und Trailritten – Mangalarga Marchadores sind vielseitig und jederzeit für neue Aufgaben bereit. Eine Eigenschaft, die sie besonders für ambitionierte Breitensportler interessant macht. Morgens eine Working Equitation, Mittags eine Gelassenheitsprüfung und  abends noch schnell am Rind arbeiten  – alles ist möglich. Und so wirbt der Europäische Zuchtverband, EAMM, zu Recht mit dem Slogan: „Mangalarga Marchadores – Pferde ohne Grenzen“.

Infos: www.eamm.de, www.abccmm.org.br