Psychostress als Ursache? Kotwasser bei Pferden

Es läuft und läuft und läuft: Kotwasser beim Pferd ist vielmehr als nur ein ästhetisches Problem, sondern ein Indiz dafür, dass etwas mit der Verdauung nicht stimmt. Allerdings kein klares. Denn das Spektrum möglicher Ursachen ist breit.

 

Es gibt auch Durchfallerkrankungen, die mit Kotwasserabsatz einhergehen. Foto:Archiv PSJ

Es gibt auch Durchfallerkrankungen, die mit Kotwasserabsatz einhergehen.
Foto:Archiv PSJ

Nein, es ist wahrlich kein schöner Anblick, wenn vom Po des Pferdes aus ein bräunliches Rinnsal die Beine hinunterfließt, das einfach nicht versiegen will. Nicht nur, dass die Haut am Hinterteil beständig durchnässt und von der Verdauungsflüssigkeit angegriffen wird, während der kalten Jahreszeit gefriert das Ganze auch noch und setzt dem Pferdeorganismus mächtig zu.

Exakte Diagnose

Um den Kotwasserfluss zu stoppen, unter dem Pferde bisweilen jahrelang leiden, steht zunächst Ursachenforschung auf dem Plan beziehungsweise eine Diagnostik, die klärt, ob es sich tatsächlich um Kotwasser oder eben doch um Durchfall handelt: „Unter dem Begriff Kotwasser versteht man bräunlich gefärbtes Wasser, das vor, während oder nach dem Kotabsatz oder unabhängig vom Kotabsatz aus dem After läuft oder spritzt. Dabei handelt es sich um nicht gebundenes Wasser mit löslichen Nährstoffen und freien Fettsäuren. Die abgesetzte Menge variiert erheblich“, definiert Veterinärin Birte Grauel.
Die genauen Vorgänge, die im Darm ablaufen, wenn Kotwasser gebildet wird, sind bislang übrigens noch nicht geklärt. „Normalerweise wird im Dickdarm das Wasser aus dem flüssigen Nahrungsbrei resorbiert und die typische Form des ‚Pferde-Apfels‘ entsteht. Verschiedene Einflüsse können dieses System stören, sodass es dann zum Absatz von Kotwasser oder auch zur Veränderung der Kotkonsistenz kommen kann“, so Grauel zum aktuellen Wissensstand.
Im Gegensatz zum Durchfall sei die Konsistenz des Pferdekots an sich bei der Kotwasserproblematik normal. Doch es gebe eben auch Durchfallerkrankungen, die mit Kotwasserabsatz einhergehen. Daher sollte man den Kot seines Pferdes genau untersuchen und überprüfen, ob nicht doch ein Zusammenhang besteht. Tierärztin Grauel warnt: „Durchfall kann zu eine lebensbedrohlichen Situation führen, wenn er unbehandelt bleibt, da die Pferde, genau wie wir Menschen, bei zu starkem Flüssigkeitsverlust dehydrieren können.“
Diese Gefahr bestehe bei der reinen Kotwasserproblematik hingegen nicht. Hier sei es lediglich möglich, dass es zu Einschränkungen in der Phosphor-, Kalzium- und Magnesiumaufnahme kommt. Doch eine Unterversorgung entsteht dadurch äußerst selten, da hier die „Vorratsspeicher“ des Pferdes ausreichend groß sind.

Viele Faktoren

schweif wird gewaschen, berber

Bei Pferden mit Kotwasser ist es wichtig, die Hinter-
beine gründlich abzuwaschen. Oft ist auch der Schweif durch Kotwasser verschmutzt. Foto: Archiv PSJ/Lenz

Von 2006 bis 2009 wurde an der Ludwig-Maximilian-Universität München eine Studie durchgeführt, die mehr Aufschluss über die Kotwasser begünstigenden Faktoren geben sollte. Vor allem Rangordnung, Geschlecht und Scheckung spielten, so fand man in dieser im Rahmen einer Doktorarbeit durchgeführten Untersuchung heraus, eine Rolle.
Birte Grauel bringt die Ergebnisse auf einen Punkt: „Sozialer Stress, der sich unter anderem in niedriger Rangordnung in Gruppenhaltung darstellt, ist ein maßgeblicher Faktor.“ Doch auch andere Faktoren können Kotwasser verursachen. So zählt Grauel unter anderem Parasiten, Verstopfung des Blinddarms, Fütterungsfehler, unzureichende Zerkleinerung des Futters durch Zahnprobleme sowie Störungen der Darmflora durch vorausgegangene medikamentöse Behandlung wie beispielsweise mit Antibiotika auf. Auch könne belastetes Heu oder Pferdefutter, das zum Beispiel mit Schimmelpilzgiften verunreinigt sei, ursächlich für Kotwasser in Frage kommen; ebenso eine Übersäuerung oder eine einseitige Ernährung des Pferdes mit Silage.

Risiko: Niedrige Rangordnung

Warum aber auf diese vielfältigen Ursachen nur manche Pferde mit Kotwasser reagierten, andere hingegen völlig gesund seien, darauf hat die Wissenschaft noch keine genügenden Antworten. Der Punkt einer genetischen Prädisposition ist in diesem Zusammenhang noch nicht ausreichend erforscht. Dennoch bringt die Studie interessante Tatsachen ans Licht: „Pferde niedriger Rangordnung“, so Grauel, „sind wesentlich häufiger vom Kotwasserabsatz betroffen als ranghohe Tiere. Dies hängt wahrscheinlich mit dem psychischen Stress zusammen, dem die Pferde ausgesetzt sind, und erklärt auch das plötzliche Auftreten nach einem Stallwechsel.“
Wallache waren in der Studie dreimal häufiger betroffen als Stuten. Wahrscheinlich ist der Faktor Stress dafür verantwortlich, da Wallache häufiger einen niedrigeren Rang einnehmen als Stuten. Futtermittelexperte Olaf Krause nennt Zahlen: „Nach der Münchner Kienzle-Studie ist das Risiko, ein Kotwasserproblem zu entwickeln, bei den Schlusslichtern der Herde um den Faktor 17,9 erhöht.“ Ebenfalls fand man heraus, dass Kotwasser vergleichsweise häufiger bei Schecken auftritt.  „Möglicherweise werden Schecken aufgrund ihrer Farbe beziehungsweise ihrem anderen Aussehen von anderen ausgegrenzt. Nach eigener Erfahrung der Autorin stehen auf der Weide oft gleichfarbige Tiere zusammen, andersfarbige stehen dagegen häufig abseits“, so mutmaßt Carolin Zehnder, die Verfasserin der Studie. Darüber hinaus sei die Rasse der Tinker überdurchschnittlich häufig von Kotwasser betroffen.

Ursache finden

Auch Zahnprobleme können zu Kotwasser führen, deshalb  ist die regelmäßige Zahnkontrolle wichtig. Foto: Archiv PSJ/Schmelzer

Auch Zahnprobleme können zu Kotwasser führen, deshalb ist die regelmäßige Zahnkontrolle wichtig.
Foto: Archiv PSJ/Schmelzer

Wie immer, wenn viele Ursachen für ein Krankheitsgeschehen in Frage kommen, stellt sich auch die Behandlung schwierig dar. Birte Grauel: „Das wichtigste Ziel ist es, den konkreten Grund für das Kotwasser herauszufinden. Aus tierärztlicher Sicht sollte das Pferd auf eventuelle Magenschwüre, Blinddarm-Verstopfung, chronische Entzündungen und Parasiten untersucht werden. Auch die regelmäßige Zahnkontrolle ist ein wesentlicher Aspekt. Der Pferdehalter sollte sein Tier genau in seiner gewohnten Umgebung beobachten. Gibt es häufig Rangordnungs­konflikte? Versteht es sich mit seinen Nachbarn im Stall und auf der Weide? Kann das Pferd ungestört fressen oder wird es von anderen Pferden vertrieben? Steht das Pferd im Regen, weil es die anderen nicht in den Stall lassen? Gibt es ausreichend Liegeplätze? Dies sind alles Stressfaktoren für ein Pferd niedrigen Ranges.“
Doch auch der hygienische Aspekt des Stalls muss berücksichtigt werden: Wie ist die Qualität der Einstreu? Wird oft genug ausgemistet? Ist das Stroh schimmelfrei? – Das alles seien Fragen, die bei der Ursachenforschung der Erkrankung wichtige Aufschlüsse geben könnten.

Kotwasser und Fütterung

Futterexperte Olaf Krause erklärt: „Neben der Gestaltung des sozialen Umfeldes spielt die Fütterung eine wichtige Rolle. Denn bekannt ist eben, dass auch Fehler in der Fütterung häufig Ursache für die Entstehung von Kotwasser sind.“ Beispielsweise beschreibt Krause: „Das Kotwassersyndrom zeigt sich ausgeprägter bei intensiver Silage- und Heulagefütterung.“ Alles, was Stress beim Fressen auslöst – nämlich ein Zuwenig an Menge oder an Fressplätzen bei Gruppenhaltung, gehört ebenfalls zu möglichen Verursachern von Kotwasser. Auch das Fressen von Sand kann – zumindest indirekt – ein Auslöser für Kotwasser sein. Denn Sand schädigt die Schleimhäute im Darm. Im Rahmen einer korrekten Fütterung liegen selbstverständlich auch viele Ansätze, um das Kotwasser in den Griff zu kriegen. So ist generell zu beobachten, dass Futtermittel, wie pelletiertes Kraftfutter oder Kleie, die die Wasser­bindungsfähigkeit des Kotes erhöhen, zu einer Verringerung des Kot­wassersyndroms führen.
Um die Verdauung nach Beseitigung der Ursachen nachhaltig zu unterstützen und die Dickdarmflora zu sanieren, sei der Einsatz von Probiotika und Prebiotika sinnvoll. Olaf Krause erläutert: „Probiotika sind beispielsweise lebende Hefezellen, die die Besiedelung des Dickdarms mit erwünschten Mikroorganismen fördern und die Entstehung unerwünschter Mikroben hemmen. Zu den Prebiotika zählen Substanzen, die vom Pferd nicht verdaut werden, die aber den erwünschten Dickdarmmikroben als Nahrungsgrundlage dienen und diese somit fördern. Dies sind beispielsweise Hefezellwandbestandteile wie Mannane und ß-Glukane.“ Grauel fügt ergänzend hinzu: „Futtermittel mit Pre- und Probiotika sind besonders geeignet, wenn der Kotwasserabsatz durch eine pH-Verschiebung im Dickdarm verursacht wird, zum Beispiel bei Übersäuerung oder nach längeren Antibiotikagaben.“
Für die tägliche Fütterungs-Praxis gibt Krause folgende Tipps: „Achten Sie stets auf eine einwandfreie Hygiene bei Raufutter und Krippenfutter. Zusätzlich müssen Tränken und Tröge auf möglicherweise hartnäckige Verunreinigungen untersucht und diese rückstandlos entfernt werden.“ Sinnvoll zur Bekämpfung des Kotwassersyndroms sei es – übri­gens entgegen üblicher Empfehlungen – den Anteil an pelletiertem Krippenfutter zu erhöhen, weil dadurch die Kottrockensubstanz steigt, so Krause und komplettiert seine Tipps: „Je rohfaserreicher das Raufutter ist, desto niedriger ist die Kottrockensubstanz. Daraus folgt, dass vom Kotwassersyndrom betroffene Pferde bevorzugt mit blattreichem, stängelarmem Heu, dem sogenanntem „Kälberheu“ gefüttert werden sollten.“

Linderung möglich

Von Sojaschalen über Kräutermischungen mit Löwenzahn und Brennnesseln bis hin zu speziellen Bakterien – die Futtermittelindustrie überschlägt sich förmlich mit Vorschlägen an Nahrungsmitteln, die das Kotwasser stoppen.
Manche Futtermittel funktionieren nach dem Löschpapier-Prinzip – sie saugen das Kotwasser noch während der Darmpassage auf. Eine reine Symptombehebung, wie Kritiker anmerken. Andere wiederum versuchen die Darmgesundheit an sich zu stabilisieren. Birte Grauel: „Ist das Pferd tierärztlich untersucht und können schwerwiegende Erkrankungen ausgeschlossen werden, spricht nichts dagegen, den Säure-Base-Haushalt des Pferdes mittels prebiotischen Futters wiederherzustellen. Ich rate aber dringend dazu, beim Hersteller bezüglich der Dopingrelevanz nachzufragen.“

Jessica Kaup/PSJ