Gefährlicher Übermut – Wie aus Angsthasen Verlasspferde werden

Vorsicht im Straßenverkehr - ein Pferd kann beim Scheuen riesige Sätze zur Seite machen, auf die Straße darf daher nur ein absolut verkehrssicheres Pferd. Fotos: Schiller

Vorsicht im Straßenverkehr – ein Pferd kann beim Scheuen riesige Sätze zur Seite machen, auf die Straße darf daher nur ein absolut verkehrssicheres Pferd. Fotos: Schiller

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen, so sie denn kommen, zieht es die meisten Reiter wieder in die freie Natur. Reiter, die das Glück haben, in der eiskalten Jahreszeit in der Halle oder auf einem wetterfesten Platz trainieren zu können, fragen sich dann aber verwundert, ob ihr Pferd vielleicht Flummis gefrühstückt hat. Rauschende Blätter, Jogger und auffliegende Vögel sind für so manches Pferd Grund genug zu scheuen oder mit gewaltigen Bocksprüngen zu reagieren. Aber warum ist das so und was noch wichtiger ist, wie lässt sich das verhindern?

Vierbeinige Witzbolde

Spielende Kinder am Straßenrand können für Pferde wie furchteinflößende Ungeheuer wirken - kurz anhalten und das Pferd streicheln lassen kann für Entspannung sorgen.  Fotos: Schiller

Spielende Kinder am Straßenrand können für Pferde wie furchteinflößende Ungeheuer wirken – kurz anhalten und das Pferd streicheln lassen kann für Entspannung sorgen.
Fotos: Schiller

Endlich wieder ins Gelände! Mit der guten Laune des Reiters, steigt auch die des Pferdes und die Witzbolde unter ihnen lassen das auch gern ihren Reiter wissen. Der findet das für gewöhnlich gar nicht lustig, erst recht nicht im Straßenverkehr. Hier hilft nur: Vorarbeiten! Wer ganzjährig ins Gelände geht und seinem Pferd ständig neue Anreize bietet, reduziert die Gefahr, beim kleinsten Auslöser im Graben zu landen. „Laufenlassen“, ist nur dann sinnvoll, wenn der Reiter auch in Extremsituationen sattelfest ist, eine entsprechende Strecke zur Verfügung steht und das Pferd sich bei allem Übermut niemals vollständig den Hilfen entzieht. Das übermütige Pferd zu strafen, ist grundsätzlich falsch! Ein energisches „zur Ordnung rufen“ aber legitim.

Sensible Angsthasen

Unsicheren Pferden kann der gemeinsame Ausritt mit erfahrenen, älteren Pferden, viel Sicherheit geben.

Unsicheren Pferden kann der gemeinsame Ausritt mit erfahrenen, älteren Pferden, viel Sicherheit geben.

Fehlen die Anreize aus dem Winter, müssen sich sensible Pferde erst wieder neu mit den „Monstern“ auseinandersetzen. Solche Pferde dürfen nur mit wirklich erfahrenen Reitern ins Gelände, müssen Straßen fernbleiben und sollten niemals ohne Begleitung geritten werden. Wer bedenkt, dass ein scheuendes Pferd mit einem einzigen Satz problemlos drei bis vier Meter zur Seite springt, kann sich leicht ausmalen, wie gefährlich die Situation für andere Verkehrsteilnehmer werden kann. Geht das Pferd schon verspannt vom Hof, ist es besser, den Ritt möglichst kurz zu halten. Pferde können ihre Angst aber auch unterwegs entwickeln. Was mit Tänzeln, Zackeln, Kopfschlagen und ständigem Zurückschrecken beginnt, kann sich so hochschrauben, dass das Pferd beim übernächsten Auslöser durchgeht und sich und den Reiter damit in Lebensgefahr bringt. Bei solchen Ansätzen ist es besser, den Ritt abzubrechen und falls möglich, einen Transporter kommen zu lassen. Alternativ können erfahrene Reiter auf ruhigen Pferden das in dem Moment überforderte Pferd als Handpferd an die Seite nehmen.

Üben heißt die Devise, denn nur durch Übung wird auch dein Pferd zum 100%igen Verlasspferd - dabei gilt es, die lektionen sowohl vom Boden als auch im Sattel abzufragen.

Üben heißt die Devise, denn nur durch Übung wird auch dein Pferd zum 100%igen Verlasspferd – dabei gilt es, die lektionen sowohl vom Boden als auch im Sattel abzufragen.

Vorbeugen!

Das Pferd ist und bleibt ein Fluchttier. Je geringer das Vertrauen in den Reiter und je bedrohlicher die Reize, desto schneller bricht sein Instinkt durch und es sucht sein Heil in der Flucht. Nordische Rassen neigen weniger dazu, kopflos Kilometer zurückzulegen, zu groß könnte die Gefahr sein, von einer Klippe zu stürzen, in einem Moor zu versinken oder gegen einen Baum zu rennen. Hochblütige Pferde spurten auch durchaus einige Minuten. Eine Besonderheit gibt es außerdem. Pferde, die in ihrem Ursprung aus waldreichen Regionen stammen rennen nicht zwingend. Sie schieben sich bei Panik auch rückwärts in Büsche und Hecken.

Üben, üben, üben

Horst Stern beschrieb das durchgehende Pferd als „Fünftonner mit defekten Bremsen und klemmendem Gashebel“. Die defekten Bremsen sind die Hilfen, mit denen der Reiter das Pferd nicht mehr erreicht, der klemmende Gashebel, ist die Angst, die das Pferd antreibt. Anti-Scheutraining ist die Lösung. Und die beginnt mit einem rittigen Pferd. Regelmäßige Dressurarbeit, leichtes Springen und Bodenarbeit ebnen den Weg für gefahrlose Ausritte. Trailübungen bauen auf die Dressurarbeit auf. Rückwärts durch das Stangen-L, Öffnen, Hindurchreiten und Schließen des Tors in aller Ruhe und mit großer Konzentration, stärken die Bindung. Sie haben aber noch einen anderen Zweck. So helfen sie dem Pferd, die Hilfen des Reiters im Zusammenhang zu verstehen und dem Reiter, präziser mit der Hilfegebung zu werden. Ein besseres Nervenkostüm bekommt ein Pferd nur langsam. Dazu müssen die Anreize langsam gesteigert werden. Ein Pferd mit Angst lernt nicht! Es beispielsweise durch einen Flattervorhang zu treiben, schadet mehr, als es nützt. Besser ist es, die Bänder an den Seiten festzubinden und nach erfolgreichem Durchreiten, die Bänder einzeln dazu zu nehmen. Vertrauensarbeit darf sich aber nicht aufs Reiten beschränken, auch das Führtraining ist von großer Bedeutung. So kann das Pferd schrittweise an Angstgegner herangeführt werden.

Die schlimmsten Fehler

  • Es ist ein Irrtum, dass ein Reiter sich am Ende durchsetzen muss. Werden Druck und Angst während einer Übung zu groß, bleibt der Lernprozess aus. Dann ist es sinnvoller, die Übung abzubrechen und die eigene Strategie und die eigenen Fähigkeiten kritisch zu überprüfen und zu einem späteren Zeitpunkt mit einem langsameren Trainingsaufbau erneut zu beginnen.
  • Scharfe Gebisse und kombinierte Hilfszügel können mangelnde Ausbildung nicht kompensieren. Das Gegenteil ist der Fall.
  • „Put your adrenalin down“, „ runter mit dem Adrenalin“, ist einer der wichtigsten Sätze, die Trainer Monty Roberts seinen Schülern auf den Weg gibt. Wer den Lehren von Sally Swift folgt, wird den Satz dort und bei vielen anderen großen Reitern bestätigt finden. Hektik und Unsicherheit übertragen sich 1:1 auf das Pferd. Gezieltes Atmen in den Bauch ist erlernbar. Swift schwört auf Röhrensysteme, die sich der Reiter vorstellen soll. So kann er bis in die Hände und Füße arbeiten. Der Sitz wird geschmeidiger, die Muskelanspannung lässt nach, eine Wohltat für das Fluchttier Pferd.
Carola Schiller