Unfall mit dem Pferdeanhänger

(c) Archiv PSJ

Es ist der absolute Supercrash, der Unfall mit einem Pferdeanhänger. Egal aus welchen Gründen und zunächst durch wessen Schuld man in einen Unfall verwickelt ist, sobald Pferde im Spiel sind, erweist sich die Situation zumeist als deutlich dramatischer, als wenn „nur“ Fahrzeuge und Menschen involviert sind.

Obwohl Horror-Szenarien mit Überschriften wie „Wertvolle Tiere bei Autounfall verendet“ oder „Schlimmer Crash mit Pferde-anhäger“ schocken und obwohl Unfälle prominenter Reiter uns immer wieder wach rütteln, muss man beim Blick auf die Unfallstatis­tiken feststellen: Es kommt – Gott sei Dank – relativ selten zu Unfällen mit Pferdeanhängern oder -transportern. Genau das ist wohl auch der Grund dafür, warum von kompetenter Seite wenig an Hilfestellung, wie man sich denn im Fall des Falles möglichst angemessen zu verhalten hat, geliefert wird. Ob bei der Polizei, bei Pannendiensten, bei Versicherungen – Tipps fürs Krisenmanagement gibt es so gut wie gar nicht. „Das müssen Sie von Fall zu Fall entscheiden“, so die immer wiederkehrende Aufforderung.

Auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat ist bezüglich eines allgemeingültigen Notfallplanes weitgehend ratlos. So muss Pressereferent Sven Rademacher gestehen: „Auch meine Recherche beim zuständigen Fachkollegium verlief leider ergebnislos. Wir sind immer eng am Thema Wildunfälle dran und geben auch Hinweise zum sicheren Transport von Haustieren im Pkw, aber zu Unfällen mit Pferdetransportern können wir gar nichts sagen.“

Erstes Gebot: Ruhe

Egal wie schwer es fällt – in der Unfallsituation gilt es zunächst einmal, die Ruhe zu bewahren. „Sie müssen sich wirklich zur Ruhe zwingen“, fordert Fritz Johannsmann, der weiß, wovon er spricht: Er ist seit 35 Jahren Spediteur für Pferde und wird bei Unfällen häufig von der Autobahnpolizei zu Rate gezogen, wenn es darum geht, Pferde zu bergen und von der Unfallstelle wegzutransportieren. Auf keinen Fall, so der Fachmann, sollte man zu den Pferden vordringen wollen, solange diese toben. Das sei zu gefährlich. „Es passiert schnell, dass man in der Enge von den Pferden eingequetscht oder getreten wird. Häufig kippt der Anhänger bei einem Unfall und die Pferde liegen im Anhängerraum übereinander. Da können Sie selber sowieso nichts tun“, sieht der Spediteur die Situa­tion nüchtern. Er rät: „Achten Sie in erster Linie auf Ihre eigene Gesundheit.“ Maximal sei es angebracht, die Stricke durchzuschneiden, sollten sie die Pferde in irgendeiner Form einschnüren. Das Bergen der Pferde geschehe nur in Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr. „Erst wenn die Unfallstelle sicher abgesperrt ist, kann man hier aktiv werden.“
Selbst wenn die Pferde noch stehen und auf dem Anhänger in Panik geraten, dürfe erst abgeladen werden, wenn der Verkehr gesichert sei: „Die Verkehrssicherheit geht immer vor. Ansonsten macht man sich auch wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr strafbar.“ Auch weist Johannsmann darauf hin, dass Pferde, die in Panik sind, sich oftmals gar nicht halten lassen und ein Pferd, das sich losreißt und über die Autobahn galoppiert, ist ein absoluter Super-GAU!
Übrigens: Wenn Sie im Stau stehen und die Pferde sich beispielsweise wegen der ungewohnten Geräuschkulisse aufregen, ist es offiziell nicht erlaubt, über den Seitenstreifen den Stau zu verlassen. Aber: Hier muss jeder Fahrer für sich abwägen, wie er sich verhält…

Was weiß die Polizei?

Erst wenn die Unfallstelle abgesichert ist, darf ausgeladen werden. Sonst macht man sich wegen gefährlichen  Ein­griffs in den Straßenverkehr strafbar. (c) Archiv PSJ

Erst wenn die Unfallstelle abgesichert ist, darf ausgeladen werden. Sonst macht man sich wegen gefährlichen Ein­griffs in den Straßenverkehr strafbar.
(c) Archiv PSJ

„In der Region um meinen Wohnort herum haben die Autobahnpolizis­ten auf jeden Fall die Nummer meiner Spedition“, erzählt Johannsmann, der persönlich dafür gesorgt hat, die Dienststellen mit dieser wichtigen Notfallnummer zu versorgen. Außerdem hat die Autobahnpolizei in der Regel Kontaktdaten von Viehhändlern (zum Transport) und – so schlimm es sich anhört – auch von Metzgern, falls ein Tier notgeschlachtet werden muss. Bei gravierenden Unfällen wird zudem das örtliche Veterinäramt eingeschaltet, das einen Tierarzt zur Unfallstelle schickt. Dieser wird erste Hilfe leisten und die Pferde höchstwahrscheinlich sedieren, damit sie die Situation ruhig überstehen.
Eine Sorge in Bezug auf die Schädigung der Tiere kann Johannsmann nehmen: „Die verunfallten Pferde gehen normalerweise anstandslos wieder auf einen Anhänger oder einen Transporter, man muss ihnen nur Platz schaffen.“ Die Pferde, so Johannsmann, würden nach einem Unfall möglicherweise unter Platzangst leiden, deshalb sollten Sie im Doppelanhänger das Pferd wenn möglich einzeln und ohne Trennwand transportieren.

 

Unfallverhütung

Natürlich können Sie das Fahrverhalten anderer Verkehrsteilnehmer nicht beeinflussen und sicherlich können Sie jederzeit in einen Unfall verwickelt werden. Dennoch, und darauf weist Fritz Johannsmann ausdrücklich hin, können Sie selber das Risiko eines Unfalls oder einer Panne schmälern: Luft und Wasser sind hier die Schlagworte. „Ein Großteil der selbst verursachten Unfälle resultiert aus zu geringem Reifendruck. Auch das Platzen eines Reifens wird bei niedrigem Reifendruck begünstigt.“ Darüber hinaus spiele auch ein Mangel an Kühlwasser eine Rolle im Unfall- und Pannengeschehen. Dass Sie defensiv und nur mit angemessener Geschwindigkeit fahren, ist wohl selbstverständlich!
Übrigens, wenn Sie an einer Maßnahme zur Erlangung des Transportbefähigungsnachweises teilnehmen, dann bringen Sie das Thema Unfallmanagement zur Sprache. Sicher, so Johannsmann, gibt es hier den ein oder anderen guten Tipp von kundiger Seite. Für vorbildlich hält der Experte die Fahrsicherheitstrainings des ADAC. „Die sind wirklich für jeden zu empfehlen und meiner Meinung nach ein wesentlicher Bestandteil der Unfallverhinderung im Vorfeld.“

Fehlende Statistik

Wie oft es tatsächlich kracht und Pferde als „Transportfracht“ im Spiel sind, das kann niemand genau sagen. Selbst das Statistische Bundesamt in Wiesbaden kann bezüglich Unfällen mit Anhängern, auf denen sich Pferde befinden, keine relevanten Zahlen vorweisen und teilt über die zuständige Pressebeauftragte Ingeborg Vorndran die Begründung dazu mit: „Alle Angaben, die von der Polizei bei einem Unfall zu erfassen sind, sind gesetzlich geregelt, in diesem Fall im ‚Straßenverkehrsunfallstatis­tikgesetz‘. Gemäß diesem Gesetz sind bei einem Verkehrsunfall die Unfallfolgen der Unfallbeteiligten und Mitfahrer zu erfassen. „Die Erfassung der Unfallfolgen von mitgeführten Tieren ist darin nicht vorgesehen und ist demzufolge auch in der amtlichen Straßenverkehrsunfallstatistik nicht enthalten.“ Vorndran ergänzt, dass lediglich notiert würde, ob ein Anhänger mit in den Unfall verwickelt war. Ob dieser nun Klaviere oder lebende Tiere transportiert hat, sei nicht Gegenstand der Unfallaufzeichnungen.

Absichern für den Fall des Falles

Es muss ja nicht immer ganz dicke kommen, doch selbst wenn man nicht von einem Unfall, sondern schlicht von einer Autopanne heimgesucht wird, sollte man wissen, was zu tun ist und wer hilft. Sind Sie im überschaubaren Umkreis Ihrer Heimat unterwegs, ist es durchaus sinnvoll, sich vor einer Fahrt einen „Not-Abholdienst“ in Form eines anderen fahrtüchtigen Pferdefreundes mit entsprechendem Zugfahrzeug zu sichern. Dieser sollte per Handy erreichbar sein. Denn adhoc ein Zugfahrzeug zu leihen, ist kompliziert. Von der ADAC-Autovermietung gibt es beispielsweise gar keine Autos mit Anhängerkupplung, es gibt auch keine Leihanhänger.

(c) Archiv PSJ

(c) Archiv PSJ

Ganz wichtig ist: Um den Anhänger stabil zu halten, sollten Sie ihn nicht vom defekten Fahrzeug abkoppeln, solange kein Ersatzfahrzeug vor Ort ist! Auf der sicheren Seite sind Sie, wenn Sie sich pro Region, die Sie durchqueren, im Vorfeld Nummern von Reiterhöfen aufschreiben. Hier finden Sie im Notfall Unterkunft für sich und Ihr Pferd, bis die Panne behoben ist und sicherlich auch einen Transporteur, der Sie von der Unfallstelle abholt. Die Recherche ist zwar im Vorfeld etwas aufwendig, erleichtert eine mögliche Pannensituation aber ungemein. Mögliche Quelle für ein Zugfahrzeug ist der Notdienst Ihres Autoherstellers – insbesondere wenn dieser auch Lkw herstellt, ist ein Pannenfahrzeug mit Anhängerkupplung meist vorhanden.

Kaup/PSJ