Vorsicht Verletzungsgefahr – Der Teufel steckt im Detail

Pferde sind der Inbegriff von Eleganz und Anmut, Bewegungskünstler unter dem Sattel, gleich ob im Dressurviereck, über dem Springparcours oder auf der Vielseitigkeitsstrecke, auf der sie immer im rasanten Vorwärts instinktiv und trittsicher gefährliche Situationen scheinbar spielerisch meistern. Reiterlos und auf sich gestellt mutiert allerdings manch ein Ass zum hilfsbedürftigen Tollpatsch oder gefährdetem Spielkind, das vor Gefahren so weit wie möglich geschützt werden soll.

Nägel, nicht mehr benötigte Isolatoren und scharfe Kanten haben nichts in einem Pferdeauslauf zu suchen. Foto: Woisetschläger

Nägel, nicht mehr benötigte Isolatoren und scharfe Kanten haben nichts in einem Pferdeauslauf zu suchen.
Foto: Woisetschläger

Während Pferde in freier Wildbahn ihren Bewegungsdrang ausreichend ausleben können und sich normalerweise eher kräftesparend gelassen und hoch aufmerksam durch eine Landschaft bewegen, in der auch kleine Verletzungen das Todesurteil bedeuten können, sind es unsere vierbeinigen Partner gewöhnt, in der Sicherheit von Stall und Paddock ihr Leben recht komfortabel und sorglos zu verbringen. Und einmal Hand aufs Herz: Manch ein Pferdebesitzer, den beim Gedanken an 24 Stunden Sommerweide oder gar auch nur stundenweisem Koppelgang – meist zur Sicherheit des wertvollen Sportlers alleine oder paarweise – das kalte Entsetzen ob der Verletzungsgefahren packt, geht in aller Seelenruhe davon aus, dass zuhause in Box, Paddock oder bei der täglichen Arbeit im Stall weit weniger passieren kann als draußen. Weit gefehlt.

Stall und Paddock sind für Pferde keine natürlich Umgebung – das sollten wir uns immer wieder vor Augen halten. Dinge, die für den Menschen völlig gefahrlos zu sein scheinen, können für die Pferdegesundheit böse Folgen haben. Der unachtsam, weil in Eile, aufgeschüttelte Strohballen hinterlässt möglicherweise ein Strohbändchen in der Einstreu, das – im ungünstigsten Fall – sich im die Fessel wickeln und Verletzungen verursachen kann. Auch im noch so lecker riechenden Wiesenheu kann sich beispielsweise Plastikabfall befinden, der vom Pferd im ersten Heißhunger mitverschlungen wird und ernste Verdauungsprobleme bis hin zur Kolik verursachen kann. Schnittwunden durch Glasscherben, die beim Mähen dicht über der Grasnarbe mit in den Ballen wandern sind ebenso im Bereich des Möglichen. Generell gilt: Genau hinschauen solltest du nicht nur wegen der denkbaren Gefahr verendeter Kleintiere und damit verbunden Botulismus.

Gerade beim Umbau früher landwirtschaftlich genutzter Gebäude zur Pferdehaltung lässt sich manch potentielle Gefahrenquelle…

Gerade beim Umbau früher landwirtschaftlich genutzter Gebäude zur Pferdehaltung lässt sich manch potentielle Gefahrenquelle…

…ganz einfach und kostengünstig entschärfen. Fotos: Woisetschläger

…ganz einfach und kostengünstig entschärfen.
Fotos: Woisetschläger

Bleiben wir beim Futter: Häufig – gerade in professionell geführten Pensionsställen – sind noch pflegeleichte und gut sauber zu haltenden Stahltröge zu finden. Kontrolliere auch hier auf scharfe Kanten und spitze Ecken. Gerade wenn – wie oft üblich – das Heu neben oder unter dem Futtertrog gefüttert wird, kann das Pferd sich bei plötzlichem Erschrecken stoßen und im schlimmsten Fall böse verletzen. Spezielle Sicherheitsbügel – auch für Selbsttränken – sorgen für ausreichenden Schutz. Heuraufen sind glücklicherweise aus den meisten Ställen verschwunden – sofern noch vorhanden sollte sichergestellt sein, dass zwischen die Stäbe der Raufe kein Huf passt. Im Fall von Streitigkeiten zwischen Boxnachbarn und eventuell damit verbundenem Steigen kann sonst ein eingeklemmter Huf das Todesurteil für ihr Pferd bedeuten. Generell gilt bei allen Schlitzen, Luftöffnungen, Abständen zwischen Raufen und Boxenwand, Tür und Türrahmen oder verschiedenen Bodenbelägen: Höchstabstand deutlich kleiner als Hufbreite!  In Laufställen finden sich oft Fressgitter, die mehreren Pferden nebeneinander Zugang zum Raufutter  gewähren. Bei zu engen Abständen der Gitterstäbe ist Vorsicht geboten – im Panikfall kann das Pferd sonst mit dem Kopf festhängen oder an den Stäben entlang schrammen. 35 bis 40 Zentimeter Abstand (bei Kleinpferden 30 bis 35 Zentimeter) müssen die Abstände bei Fressgittern haben, damit das Pferd jederzeit den Kopf gefahrlos zurückziehen kann. Panelelemente, die als Boxenabtrennungen dienen, sollten zumindest im Liegebereich mit stabilen Holzplatten oder Gummimatten (preiswerte Möglichkeit: alte Förderbänder) versehen werden, um beim Wälzen oder Aufstehen ein Durchstecken der Beine zu verhindern.

Ein wichtiger Punkt, der von uns Menschen – weil so selbstverständlich und im Alltag überall präsent – ist die Verlegung von Elektrik und Leitungen. Sind Stromkabel im Boxen-/Paddock Bereich außerhalb der Reichweite neugieriger Pferdenasen und Zähne befestigt oder – sofern erreichbar – wenigstens mittels Kabelkanal nicht direkt zugänglich? Wasserleitungen, gerade in später ausgebauten früheren Viehställen, sollten ebenfalls unter dem Aspekt der Spaltenbildung betrachtet werden: Ist die Leitung direkt und fest an der Wand verlegt oder führt sie mit Abstand, in dem auch ein Pferdehuf findet, die Wand entlang zur Selbsttränke. Bei nicht bombenfest befestigten Selbsttränken steht im besten Fall irgendwann nur die Box unter Wasser, im schlechtesten verletzt sich das Pferd an herunterhängenden Tränketeilen oder aufgrund der durch spritzendes Wasser verursachten Panik.

Aus dem Alltag: Der Vorgänger am Putzplatz lässt sein Halfter hängen, für das nächste Pferd wird es zur gefährlichen Stolperfalle. Foto: Woisetschläger

Aus dem Alltag: Der Vorgänger am Putzplatz lässt sein Halfter hängen, für das nächste Pferd wird es zur gefährlichen Stolperfalle.
Foto: Woisetschläger

Bei Boxen mit Paddock sollte auf den Übergang zwischen Box geachtet werden: Es muss nicht immer die scharfe Kante sein, auch ein Splitter aus einer morschen Holzschwelle, wie sie häufig zum Verhindern des Austragens der Einstreu in den Paddock verwendet wird, kann das Pferd im Fesselbereich verwunden und eine teure Tierarztrechnung und eine unfreiwillige Turnierpause bedeuten. Schau im Paddock oder auf (Portions-)weiden auch auf den Boden: Gerade in den heißen Monaten, wenn die Sonne den Boden austrocknet und steinhart macht, kann der Tritt auf den aus dem Boden herausschauenden spitzen Stein Quetschungen der Huflederhaut, sogenannte Steingallen, verursachen und dein Pferd eine Zeit lang außer Gefecht setzen. Auch wenn üblicherweise Pferde darauf achten, wohin sie treten: Wird nach längerem Boxenaufenthalt draußen erst einmal getobt und herumgerannt und oft direkt am Ausgang hart abgestoppt, können auch kleine Steine große Wirkung haben.  Dass Stacheldraht nicht in Pferdereichweite gehört, weiß heute fast jedes Kind. Dornige Gehölze stören allerdings die wenigstens Pferdehalter, ist es doch auch zu schön, im Sommer ein Fleckchen Schatten für den Vierbeiner und die Illusion von Grün direkt am Paddock zu haben. Dennoch: Akribisch auf Dornen und abgebrochene Ästchen achten, die in Reichweite der Pferdeaugen kommen können. Manch ein Pferd hat Augenverletzungen erlitten, weil es an das grüne Blatt am Baum kommen wollte und manch ein Auge ging dabei verloren.

Ebenso fies wie die natürlichen sind auch die allseits gern verwendeten Kunstdornen, vielerorts Nägel genannt. Beim Paddock-Bau wird schneller genagelt als geschraubt und wenn das Werk fertig und neu ist, sieht meist auch alles prima aus. Kritischer wird es, wenn Wind, Witterung und sich schubbernde Pferde ihre Spuren hinterlassen haben. Das im Frühjahr noch kerzengerade druckimprägnierte Nobelprofilbrett hat sich verwunden, die Nägel sind bereits zu einem Drittel herausgezogen, noch einmal Schubbern und ein rostiger Eisendorn wartet auf empfindliche Pferdekörperteile. Oft sind diese kleinen Verletzungen gar nicht auf den ersten Blick zu sehen, entzünden sich zuerst und werden dann entdeckt, was langwierige Heilung und teure Tierarztbesuche mit sich ziehen kann. Im Zweifel empfiehlt es sich immer zu Schrauben statt zu Nageln, denn Schrauben lösen sich nicht so schnell wie Nägel und halten durch ihre Festigkeit zu einem gewissen Grad auch feuchtigkeitsbedingte Verwindungen der Paddock Umzäunungen auf. Wer unbedingt nageln statt schrauben möchte, sollte immer von innen nach außen nageln, damit im schlimmsten Fall die Nägel weg zum Pferd (in der Regel dann allerdings zum Nachbarpferd) zeigen. Die Verwendungen sogenannter Ankernägel, das sind Nägel, die einen mit kreisförmigen Rillen profilierten Schaft haben und einen vierfach stärkeren Halt im Vergleich zu normalen Nägeln haben. Thema Nagelköpfe: Auch die abgeflachten Nagelköpfe können Gefahr bedeuten, etwa wenn sich das Pferd gerne an der (Holz-)wand den Kopf reibt.

Beim Paddock-Bau wird gerne auf preiswerte Materialien zurückgegriffen: Von der Leitplanke über Metallrohr-Verbindungen bis hin zu Baustahlmatten und sonstigen scheinbar geeigneten Einfriedungsmaterialien. Klar ist, diese Materialien haben in einem pferdefreundlichen Stall nichts verloren. Wer kein Geld hat, seinem Pferd ein sicheres Zuhause zu schaffen, sollte sich nach einem geeigneten Einstellbetrieb (ggfs. in Verbindung mit einer das Hobby mitfinanzierenden Reitbeteiligung) umsehen oder die Pferdehaltung an den Nagel hängen. Kompromisse gehen leider meist zu Lasten des schwächsten Gliedes in der Kette, in unserem Fall das Pferd.

Sind alle Risiken in der Box, dem Paddock oder der Portionsweide beseitigt, geht die Spurensuche in der Stallanlage weiter. Ist die Boxengasse breit genug, um das Pferd durchführen zu können, ohne dass es von anderen Pferden gebissen werden kann? Sind Haken, Trensenbefestigungen in erreichbarer Nähe des Anbinde Platzes pferdegerecht oder kann sich ein freies Pferd – wir alle kennen die Entfesselungskünstler unter den Pferden – verletzen? Sind alle Durchgänge, die mit dem Pferd begangen werden, breit genug, um sicheres Durchqueren auch mit einem drängelnden Pferd zu ermöglichen und hoch genug, um dem aus der Stallgasse ins Tageslicht tretenden Heißsporn, der aufmerksam den Kopf hebt, nicht noch einen Schlag zwischen die Ohren zu versetzen? Gibt es Stolperfallen in den täglichen Wegen? Achte auf herumstehende Schubkarren, Schaufeln, Werkzeuge. Es muss nicht immer gleich die gefürchtete, in der Box vergessene Mistgabel sein, eine angelehnte Schaufel, die laut klappernd umfällt und deren Stiel zwischen die Pferdebeine gerät, kann genauso viel Schaden verursachen. Ordnung ist das halbe Leben, heißt es. Und zumindest im Pferdestall hat dieser antiquierte Satz doch auch seine Berechtigung. Ordentlich aufgeräumtes Equipment steht nicht im Weg herum und birgt Gefahrenpotenzial und ein ordentliches, das heißt mit Bedacht geplantes, Stallareal, hilft, sorgenfreier der Passion Pferd nachzugehen und ermöglicht deinem Pferd ein weitgehend stressfreies und gefahrloses Leben.

Eine Gefahr, die Niemand ausschließen kann, ist Feuer. Der Blitzschlag im Gewitter, selbstentzündetes Heu, ein Kabelbrand oder Brandstiftung – das Ergebnis ist in jedem dieser Fälle ein Szenario, das sich niemand wünscht. Während Rauchmelder in Wohnungen und Wohnhäusern inzwischen gesetzlich vorgeschrieben sind, sind diese praktischen kleinen Helfer in Pferdeställen oft Mangelware. Sofern keine direkte Wohnmöglichkeit am Stall ist, von der aus das Warnsignal im Ernstfall wahrgenommen werden könnte, birgt die Installation in der Tat nur begrenzt Sicherheit. Moderne Sicherheitstechnik jedoch bietet bereits heute zu einem kleinen Preis – etwa um die 100 Euro – mit einem Handy gekoppelte Rauchmelder Systeme an. Per SMS an eine oder verschiedene Notfallnummern informiert die Technik so über drohende Gefahr. Für private Pferdebesitzer, deren oft in Eigenregie geführter Stall abseits von Ortschaften in Alleinlage stehen, sicher eine lohnende und bezahlbare Möglichkeit.

Alle Auflistungen potenzieller Gefahren können aufgrund der Vielfalt von Stall- und Haltungslösungen und dem – mehr oder weniger ausgereiften – Erfindungsgeist findiger Pferdehalter  immer nur unvollständig sein. Daher: Nimm dir ab und an die Zeit und gehe mit offenen Augen durch deinen Stall, um Sicherheitsrisiken jeglicher Art zu lokalisieren und beseitigen zu können. Sei dir  sicher, dein Vierbeiner findet jede noch so kleine Sicherheitslücke und glücklicherweise passt auch in 98 Prozent der Fälle nichts. Aber der Teufel steckt nun mal im Detail… ●

Michael Woisetschläger/erschienen im PSJ 4.2013