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Wanderitt planen – So wird die Tour ein Erfolg

Vorbereitung des Ritts

Einfach satteln und los – kann man machen, ist aber zumindest gegenüber dem Partner Pferd nicht fair. Jeder Ritt benötigt daher Vorbereitung: egal, ob man einen Tag oder ein Jahr unterwegs sein möchte. Und um wirklich Aussicht auf ein gelungenes Erlebnis zu haben, ist es sinnvoll, sich generell mit den drei  wesentlichen Bereichen, die es vorzubereiten gilt, zu beschäftigen: Pferd, Mensch und Organisation.

David Wewetzer

Pferd

Training – Dies ist für viele sicher einer der wesentlichen und offensichtlichsten Punkte der Vorbereitung. Mit dem Pferde-Training darf keinesfalls vor dem in den Empfehlungen genannten Alter begonnen werden. Das Pferd muss sicher und ausbalanciert auch auf unebenen Böden unter dem Reiter sein. Eine gute Muskulatur, die eine gesunde Selbsthaltung beim Reiten ermöglicht, ist die minimale Voraussetzung für das Training und Ausbildung zum Wanderreitpferd. Das Wanderreiten erfordert eine Menge Fähigkeiten vom Pferd – und die sind nicht in kurzer Zeit erlernbar. Das Pferd muss neben den zurück zu legenden Strecken auch an lange Zeiten des Unterwegsseins gewöhnt werden – mit angemessenen Pausen unterwegs. Ein zügiger, nicht übereilter Schritt und längere Trabphasen sind die Haupttempi auf einem Wanderritt. Der Galopp scheidet, wenn man mit Gepäck reitet, in der Regel aus. Neben dem Aufbau von Ausdauer und Kraft ist die mentale Bildung des Pferdes wichtig: mit unbekannter Umgebung und Eindrücken, fremden Quartieren, irgendwelchem Futter sowie Wasser ungewohnter Herkunft zurechtkommen, ohne unnütz Energie zu verschwenden, kann psychisch eine echte Herausforderung darstellen. Es empfiehlt sich, sich zu Anfang einer Gruppe mit erfahrenen Pferden anzuschließen – Pferde lernen auch voneinander durch Abgucken. Ist man selbst routiniert, kann man später dann auch allein bzw. zu zweit losziehen. 

Ausrüstung – Für einen Wanderritt sollten nur zumindest bereits auf Tagesritten erprobte Ausrüstungsgegenstände mitgenommen werden. Was für eine Spring- oder Dressurstunde funktioniert, ist für sieben oder acht Stunden Sattelzeit vielleicht nicht geeignet. Mehrere Ausritte und Halbtagestouren mit sehr strenger Kontrolle der Ausrüstung sind hier hilfreich. Eine kleine Scheuerstelle durch eine neue Sattelunterlage, eine neue Tasche mit Kontakt zum Fell oder ein neuer Sattelgurt kann sehr schnell zum Ende des Rittes führen. Dass die Ausrüstung ordentlich gepflegt und sehr sorgfältig am Pferd angebracht wird, versteht sich von selbst.

Besonderes Augenmerk gilt auch dem Hufschutz. Es ist nicht ratsam einen Wanderritt ohne Hufschutz zu starten. Das Geläuf ist i.d.R. nicht bekannt, und die Belastung/Abnutzung der Hufe kann daher nur sehr begrenzt realistisch eingeschätzt werden. Wenn mit Hufschuhen geritten werden soll, sollten diese unbedingt auf mehreren Tagestouren auf unterschiedlichem Geläuf zwecks Gewöhnung getestet werden. Geht das Pferd normalerweise barhuf und soll für den Ritt beschlagen werden, sollte es sich mind. zwei Beschlagsperioden vor dem Ritt daran gewöhnen dürfen.

Futter – Auf Wanderritten kann dem Pferd nicht unbedingt das, was es zuhause erhält, angeboten werden. Das gilt sowohl für Rauh- als auch für Kraftfutter. Also muss es schon (lange) vor einem Wanderritt an verschiedene Futtersorten, Heu, Gras und ggf. auch Heulage gewöhnt werden. Wichtig sind auch die Pausen zum Grasen unterwegs. Im Interview sagte Conny Röhm: “Zum Beispiel bei einer geplanten Tagesetappe von etwa sieben Stunden empfehle ich alle zwei bis drei Stunden 15 bis 20 Minuten Fresspausen einzulegen. Grasen an der Hand ist dann optimal. Zusätzlich rate ich zu einer einstündigen Mittagspause, in der das Pferd ebenfalls fressen darf.

(zum Interview https://www.diefreizeitreiter.de/wanderreitpferde-richtig-fuettern-daheim-und-unterwegs/)


Ebenfalls sehr wichtig aber häufig unterschätzt ist das Wasser. Die Pferde brauchen ausreichend (auch abhängig von der Jahreszeit und den körperlichen Anforderungen des Ritts) einwandfreies Wasser auf der Tour. Wo findet man unterwegs Wasser? Abgesehen von natürlichen Quellen wie Pfützen und Bächen bieten sich Friedhöfe (bitte nicht mit dem Pferd betreten) und Kleingärten an, wo man um Wasser bitten kann. Abgesehen vom Wasser selbst kann auch das Gefäß, aus dem es angeboten wird, zunächst für Ablehnung sorgen: es ist also sinnvoll, das Pferd daran zu gewöhnen, aus allen möglichen Behältnissen (angefangen bei verschieden farbigen Eimern und Jutesäcken bis hin zu Plastiktüten und Hüten) zu trinken.

Die Gewöhnung an all’ dies braucht Zeit, bevor man auf den ersten Wanderritt geht. Ein Jahr ist hier nicht zu viel, und die Vorbereitungsphasen verkürzen sich nur mit Erfahrung und Training – sie verschwinden nie ganz.

Mensch

Der Mensch – nennen wir ihn oder sie Reiter – braucht ebenso Vorbereitung wie das Pferd. Neben der viel zitierten körperlichen Fitness ist die mentale für den Genuss und den “Erfolg” eines Wanderrittes wichtig. Eine positive Grundeinstellung -nicht zu verwechseln mit Spaß haben- auch bei (großer) körperlicher Anstrengung bei besonderen Witterungsbedingungen (Regen, Hitze) kann und sollte trainiert werden.

Der Mensch ist für sein Pferd verantwortlich – immer. Das erfordert gerade auf Wanderritten eine Reihe von Fähigkeiten: Erste Hilfe am Pferd, Erste Hilfe am Menschen, Orientierung im Gelände / Umgang mit Karte und Kompass bzw. GPS, Reparaturen von Ausrüstung und Teamgeist sind nur die wichtigsten. Wenn diese Fähigkeiten den Einsatz von Material/Ausrüstung erfordern, reicht in der Regel der Besuch eines Kurses nicht: Die Verwendung und Einsatz der Materialien muss trainiert werden, damit es im Fall des Falles auch unter Stress gut funktioniert. So kann man z.B. die Orientierung mit Karte und Kompass oder per GPS am leichtesten im bekannten Gelände üben: Bei jedem Ausritt am heimischen Stall die Karte lesen und den Kompass einsetzen.

Die eigene Ausrüstung – hier vor allem die Schuhe – ist ebenfalls mit Bedacht zu wählen und auch hier gilt: Nie neue Sachen auf einen Wanderritt mitnehmen. Vorzug sollten Dinge erhalten, die unterschiedlich eingesetzt werden können wie zum Beispiel der Regenschutz als Zelt, Rettungsdecke und Abdeckung des Sattelzeugs in der Nacht. Je weniger Ausrüstung dabei ist, um so unbeschwerter ist der Ritt für das Pferd. Generell gilt: Weniger ist mehr – ohne die Essentials auszuklammern: Erste Hilfe, Falteimer, Regenzeug, Reparaturset.

 

Der Umgang mit Material und Ausrüstung sowie das Erlernen wichtiger Fähigkeiten kostet Zeit. Zeit die immer investiert werden muss, wenn ich als Reiter meiner Verantwortung gegenüber meinem Pferd gerecht werden will.

Organisation

Der Ritt kommt!  …. Und meist schneller als gedacht. Egal wie erfahren, die Vorbereitungszeit ist selten zu lang. Welche Quartiere haben noch Platz, welche Routen mit Alternativen gibt es zwischen den Stationen, welche Nummern haben die Tierärzte und Schmiede in der Reitregion? Wie steht es um das Reitrecht? Alles Fragen, die vorab beantwortet und unbedingt auf den Ritt mitgenommen werden sollten. Die Nummer des Tierarztes nutzt auf dem Schreibtisch wirklich niemanden….

Wie sieht die Versorgung unterwegs aus? Brauche ich Kraftfutter?

Welche Papiere muss ich dabeihaben? Plane ich einen Fluss zu überqueren? Per Fähre (habe ich dies geübt?) oder welche Brücken stehen zur Verfügung? Kann ich überall mit Karte bezahlen, oder wie viel Bargeld brauche ich? Bitte auch an das Eis und eine Tüte Möhren unterwegs denken… ;-)

Wie komme ich zur ersten Station und von der letzten Station wieder nach Hause? Bei einer Rundtour muss ggfs. der Verbleib des Gespanns geklärt sein.

Welche Witterung erwartet mich? Wie ist der langfristige Wetterbericht? Mein Regenzeug passe ich in drei Stufen an – genau wie meine Reit- und Wanderschuhe.

Sind alle Ausrüstungsgegenstände sauber, ganz und gepflegt? Was muss noch repariert werden?

Macht euch Checklisten – auf Papier zum Abhaken. Schreibt auch die “selbstverständlichen” Dinge drauf: Equidenpass, eigener Ausweis, Telefonnummern ausdrucken(!), Socken, … und für manche auch Klappbügel ;-)

Je nach Ziel kann die Vorbereitung auch noch deutlich länger in Anspruch nehmen, wenn es z.B. über Ländergrenzen geht, Tiere verzollt werden müssen, Quartiere wegen fehlender Sprachkenntnisse nur schwer zu organisieren sind. Auch der Erwerb von topographischen Karten ist in manchen Ländern schwierig bis unmöglich.

Der Ritt

Alle Taschen sind gepackt (keine Sorge: irgendetwas vergisst man immer), und es kann endlich losgehen. Wie sieht denn die zeitliche Abfolge eines beliebigen Ritt-Tages aus? Nehmen wir Tag X, nicht den ersten und nicht den letzten Tag und denken wir uns folgendes:

  • Sonnenaufgang: 6:00 mit Dämmerlicht ab 5:00 und 
    Sonnenuntergang: 18:00 mit Dämmerlicht bis 19:00
  • Strecke 26 km + 400 Höhenmeter = 30 Leistungskilometer (Lkm)
  • Geläuf: relativ eben, guter Boden, fest jedoch nicht steining
  • Gepäck: Wenig – kleine Taschen hinten, keine Rolle, mittlere Vordertaschen
  • Witterung: um 18°C rel. Luftfeuchte: 65%

Weiter können wir von Kennzahlen durchgeführter Ritte ausgehen: Im Schritt Tempo 12 (d.h. 12 Minuten für 1 Kilometer) – das sind 5 km/h, was nicht zügig ist wie oben beschrieben, deckt aber die Führstrecken recht gut ab und schafft bei der zeitlichen Berechnung ein Polster. Trab: Tempo 6 (der Durchschnitt von 45 Minuten Trab ohne Pause).

Das bedeutet für die zeitliche Einteilung dieses Tages Folgendes:

 4:00 Heufütterung (Portion ca 3kg – dann ist es bis zum Abritt aufgefressen)

 6:00 Kraftfuttergabe, sofern notwendig

 6:15 eigenes Frühstück

 6:45 Sattelunterlage zum Lüften in die Sonne legen, ausbürsten

 7:00 Quartier aufräumen, Taschen packen, Strecke nochmals auf Karte prüfen

 7:30 Pferd putzen und dabei gründlich auf Verspannungen, Schwellungen und Verletzungen prüfen.

 8:00 Abritt  16 Lkm Strecke, ca alle 90 Minuten für 10 – 20 Minuten führen

11:00 Fresspause für ca. 20 Minuten 6 Lkm

13:00 “Große Pause” für 1,5h – nicht absatteln, Wasser und Gras/Heu für das Pferd, Pause bei 50 – 65% der Strecke planen

14:30 Abritt aus der großen Pause 8 Lkm, Zwischendurch nochmals führen.

16:00 Geplante Ankunft – 2h vor Sonnenuntergang. 1 km vor dem Ziel absteigen und führen, Sattelgurt noch nicht lockern.

16:05 Wasser anbieten, kleine Portion Heu – jetzt den Willkommenstrunk akzeptieren

10 Minuten pro 10 Lkm mit Sattel stehen lassen, Nierendecke (oder Regenjacke) auf die Kruppe, 30 Minuten ausreichend auch bei längeren Touren

16:30 Absatteln, Pferd putzen und untersuchen, dann auf Paddock, Platz oder Weide

17:00 Ausrüstung einmal prüfen, Sattelunterlage lüften, Quartier einräumen

18:00 Strecke für den nächsten Tag auf Karte ansehen, Quartiersleute um Meinung fragen (nicht unbedingt umplanen ;-) )

18:30 Kraftfutter, sofern notwendig

20:00 Eigenes Abendbrot

22:30 Große Portion Heu für die Nacht, Leckerli und Danke sagen nicht vergessen ;-)

Dieser “Stundenplan” dient der zeitlichen Gliederung des Reittages und ist ein möglicher Ablauf mit grundlegenden Tätigkeiten. Je nach Geläuf, Hindernissen und sonstigen Unwägbarkeiten gibt es noch viele weitere. Bei der Planung einer Strecke sollte nicht das Tageslicht von vornherein komplett ausgeschöpft werden. in unserem Beispiel sind zwei Stunden Sicherheit eingebaut und bei einem normalen Ritt nochmals 30 Minuten in der Mittagspause. Ritte im Licht einer Stirnlampe in unbekanntem Gelände sind kein Zeichen guter Planung.

Und noch etwas:  Die Führstrecken sollten so gewählt werden, dass sie nach Möglichkeit auf die schlechten Reitabschnitte entfallen: Asphalt, starke Gefälle, … und nicht nach der Stoppuhr. Ebenfalls zeitlich bei der Planung zu berücksichtigen sind besondere Landschaften, bei denen ggf. die Abrittzeit oder die Strecke(nlänge) angepasst werden muss, z.B. bei Querung von Tide beeinflussten Gewässern (Ritt nach Neuwerk), Querung von Moorgebieten (bei abnehmender Temperatur am Nachmittag Gefahr von Bodennebel, auch im Sommer!) oder Bergetappen (besonders steile Abschnitte möglichst nicht zum Schluss).

 

Mit seinem Partner Pferd in der Natur unterwegs zu sein, gehört zu den erhebendsten Dingen, die man tun kann. Ein Wanderritt festigt die Beziehung und sorgt bei entsprechender Vorbereitung für großartige gemeinsame Erlebnisse – auf geht’s – es wird Zeit!

Wir sind ETCD – Die FreiZeitReiter</strong> – eine Gemeinschaft, die sich aufgrund einer geteilten Passion einander verbunden fühlt, eine Gemeinschaft von Menschen, die den Spaß und das Freiheitsgefühl mit dem Freizeitpartner Pferd erleben will. Jeden Tag aufs Neue. 80 Prozent der Reiter wollen das Natur-Erlebnis auf dem Pferderücken. 750.000 Reiter wollen mit Ihrem Pferd raus in die Natur, wollen den Wind um die Nase spüren, die Kraft und die Lebensfreude des Pferdes unter sich fühlen, das Knarren des Sattelzeugs und das leise Geräusch, das die Hufe des Pferdes auf einem weichen Waldboden verursachen hören, sie lieben den Duft von Leder und Pferdeschweiß und das Gefühl, mit dem Partner Pferd nach traumhaften Ausritten durch den Sonnenuntergang nach Hause zu kommen. Viele träumen davon, doch die wenigsten tun es! Beeindruckt von der Initiative Mut zur Strecke wollen wir diese unterstützen, damit noch mehr Reiter und Reiterinnen Mut zur Strecke bekommen.

Nur gemeinsam bilden wir eine Gemeinschaft.

PS    Wieso schreiben wir uns so komisch? Ganz einfach:

>FreiZeitReiter

…sind Frei in der Wahl von Reitweise und Pferderasse, sie nehmen sich…

Zeit für umfassende Ausbildung ihres Freizeitpartners und sich selbst und als…

ReiterIn fühlen sie sich der Tradition reiterlichen Verhaltens und artgerechter Haltung ebenso verpflichtet wie eines immerwährenden Lernprozesses – denn als ReiterIn lernt man bekanntlich nie aus.

David Wewetzer, Januar 2021 – Wanderreitführer (FN)