Wieviel Kraftfutter braucht mein Pferd?

Das Thema Pferdefütterung führt in den Reiterstuben immer wieder zu heftigen Diskussionen. Was ist gut, was muss sein, wie viel soll es sein und worauf muss man achten? Fragen, die immer wieder heiß diskutiert werden und immer individuell beantwortet werden müssen. Für alle Futtermittel, egal ob Rau-, Kraft, Ergänzungs- oder Saftfutter, aber gelten drei Grundsätze: sie müssen erstklassige Qualität haben, sie müssen artgemäß und leistungsangepasst sein. Die artgemäße Fütterung ergibt sich aus der Ausbildung und Funktion des Verdauungsapparates und meint qualitätvolles Raufutter. Die leistungsangepasste Fütterung bezieht sich auf die Notwendigkeit, den täglichen Bedarf der Tiere an Nähr-, Mineral- und Wirkstoffen durch eine entsprechend ausgewogene Futterration abzudecken.

Pferde stellen je nach Rasse, Typ und Leistung sehr unterschiedliche Anforderungen an ihren täglichen Nahrungsbedarf. Ein 650 Kilogramm schwerer Holsteiner hat andere Ansprüche als ein 500 Kilogramm schwerer Haflinger und der Bedarf an Trockenmasse, verdaulicher Energie und verdaulichem Rohprotein eines Pferdes im Vergleich zu zum Beispiel einem Pony ist nicht doppelt so hoch, nur weil es doppelt so viel wiegt. Auch die Angaben leichte, mittlere oder schwere Arbeit sind je nach Rasse unterschiedlich zu beurteilen. Ein für den Pferdebesitzer nur schwer überschaubares Angebot von unterschiedlichsten Futtermitteln und Zusatzfutter macht zudem die bedarfsgerechte Fütterung nicht gerade einfacher. Man füttert meist nach Gefühl, bemerkt dann aber fütterungsbedingte Mängel oder eine Überversorgung oft zu spät.

Digital imageEin Buch mit sieben Siegeln?

Die klassische Rationsberechnung hat ihren Ursprung in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung, die unter Berücksichtigung des Bedarfs eines Tieres eine möglichst ideale Futtermittelkombination errechnet. Doch im Alltag ist das gerade für Pferde die geritten werden individuell sehr schwierig. Zudem wird die körperliche Leistung eines Pferdes von vielen Pferdehaltern oft überschätzt, denn viele der Pferde bewegen sich fast ausschließlich in den Bereichen ‚Erhaltungsbedarf‘ und ‚leichte‘ Arbeit, werden aber oft als schwere Arbeiter gefüttert.  Eine amerikanische Studie mit 300 Pferden ergab, dass circa 51 Prozent Übergewicht hatten und 19 Prozent sogar unter Adipositas (Fettleibigkeit) litten. „Fettleibigkeit ist in den letzten zehn Jahren zu einem bedeutenden Gesundheitsproblem bei Pferden geworden“, erklärt Scott Pleasant, einer der Initiatoren der Studie. Eine Rationsberechnung – in der Pferdehaltung noch immer unterschätzt – macht als Grundlage also durchaus Sinn und kann außerdem Kosten sparen.
Die Zusammenstellung einer Futterration hängt von verschiedenen Faktoren ab: Den rassespezifischen Eigenheiten, der körperlichen Verfassung des Pferdes, der Belastung und natürlich den individuellen Möglichkeiten des Besitzers. Um ein wirklich verwertbares Ergebnis zu erhalten, müssen der Nährstoffbedarf und der Nährstoffgehalt der eingesetzten Futtermittel möglichst genau berechnet werden.

Eine schwierige Aufgabe

Für den Laien keine leichte Aufgabe, doch seriöse Futtermittelhersteller helfen im persönlichen Gespräch gerne und kompetent weiter. Grundsätzlich sollten die Anteile der Gesamtration etwa bei 71,5 Prozent Raufutter, 26,5  Prozent Kraftfutter, 0,5 Prozent Mineralfutter und 1,5 Prozent Zusatzfutter liegen. Wie viel Energie ein Pferd aber tatsächlich dann in der Bewegung verbraucht, richtet sich auch nach seinem individuellen Gewicht, der Gangart und der Dauer der Bewegung.
Anhaltspunkte liefert die Tabelle der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GFE) auf der folgenden Seite. Sie zeigt den energetischen Leistungsbedarf (MJ DE- verdaulicher Energiegehalt) eines Pferdes mit 600 Kilogramm Körpermasse in Abhängigkeit von der Belastungsintensität.
Für eine Reitstunde mit einem circa 600 Kilogramm schweren Pferd könnte die Rechnung so aussehen:
15 min. Schritt        2 MJDE
10 min. Trab leicht    3 MJDE
10 min. Trab schnell    6 MJDE
15 min. Galopp mittel    12 MJDE
10 min. Trockenreiten            –––––
Der Leistungsbedarf in einer solchen Stunde beträgt also 23 MJDE, hinzu kommt der Erhaltungsbedarf von rund 73 MJDE, sodass sich ein Gesamtbedarf von 96 MJ DE ergibt.

Tabelle

Als Faustregel gilt hier:
leichte Arbeit:  plus 25 Prozent vom Erhaltungsbedarf
mittlere Arbeit: plus 25 bis 50 vom Erhaltungsbedarf
schwere Arbeit: plus >50 Prozent vom Erhaltungsbedarf

Die GFE-Empfehlungen zur täglichen Versorgung eines Reitpferdes (Beispiel: 600 Kilogramm Körpermasse) mit Energie und Nährstoffen: Noch schwieriger wird die Bedarfsberechnung, wenn es um Spurenelemente oder Vitamine geht. Energie, Eiweiß und die Mengen-elemente Calcium, Phosphor, Natrium, Kalium  lassen sich noch ganz gut in den Tabellen ablesen, aber die Empfehlungen für Spurenelemente orientieren sich häufig nur an der Futtermenge in Kilogramm (Futtertrockensubstanz) oder an dem Gewicht des Tieres (Lebendmasse). Der Bedarf dieser Nährstoffe variiert jedoch durch Stress, Umwelteinflüsse, Fellwechsel, rassetypische Stoffwechselanforderungen und ähnliche, oft wissenschaftlich noch nicht erforschte Faktoren. Hier braucht der Pferdehalter oder Berater eine große Erfahrung, um den wirklichen Bedarf abzuschätzen.

Spurenelemente sind von großer Bedeutung für den Stoffwechsel, auch wenn sie vom Körper nur in geringen Mengen benötigt werden. Eine einseitige oder überhöhte Fütterung kann also durchaus mehr schaden als nutzen und sollte vermieden werden. Außerdem sollte die Kombination verschiedener Ergänzungsfuttermittel mit erhöhten Vitamin- und Spurenele-mentgehalten besser nur nach sachkundiger Beratung erfolgen. Im Zweifel ist weniger mehr – auch für den eigenen Geldbeutel.

Viele Faktoren müssen bedacht sein

Schlecht zu berechnen sind aber auch die Nährstoffverluste durch schlechte Futterqualität. Schlechte Futterqualität vor allem beim Grundfutter erweist sich langfristig als Nährstoffkiller. Jede Futterration hat also vier Seiten: Die berechnete, die vorgelegte, die gefressene und die verwertete. Eine Rationsberechnung kann deshalb nicht in allen Bereichen vollständig und sicher sein, sie liefert aber einen groben Richtwert für das einzelne Individuum. Wie groß der Abstand zwischen dem ‚Standardpferd‘ und dem tatsächlichen Lebewesen ist, hängt fast ausschließlich von den Erfahrungen und Kenntnissen des jeweiligen Berechners ab. Über die genaue Beobachtung der Fütterungserfolge lässt sich im Laufe der Zeit diese Frage jedoch immer besser einkreisen. Selbstverständlich wird dabei immer vorausgesetzt, dass das Pferd in jedem Fall hygie-nisch einwandfreies Futter erhält. Auch die Fütterungshäufigkeit und -menge spielt eine wichtige Rolle, denn wird die Tagesration in mehrere Portionen über den Tag verteilt und kann das Pferd in Ruhe ungestört fressen, verbessert sich die Futterverwertung deutlich.

Die vorhandenen Möglichkeiten einer Rationsberechnung können aber genutzt werden, um Lücken aufzuzeigen oder zu schließen und dauerhaft hoch dosierte Überangebote einzelner Nährstoffe so weit wie möglich zu vermeiden. Sie ersetzt natürlich in keinem Fall die tägliche Kontrolle und Aufmerksamkeit des Pferdehalters. Und manchmal ist ein angebliches Fütterungsproblem auch ‚nur‘ ein Fehler in der Haltung, das heißt meist zu wenig oder falsche Bewegung.

Auf die Bestandteile kommt es an

Nach dem Futtermittelrecht muss jedes Futtermittel mit seinen Bestandteilen deklariert werden. Darauf muss die Art des Futters, die Zusammensetzung, die Inhaltsstoffe, Herstellerangaben und das Herstellungsdatum mit Verfallsangabe beschrieben sein. Es wird nach offener und verdeckter Deklaration unterschieden, bei der nur die Bestandteile des Futters in der Reihenfolge der Anteile angegeben sein müssen. Die offene Deklaration legt die genaue Rezeptur in Prozentwerten dar.

Die Bestandteile, die am meisten enthalten sind, stehen an erster Stelle. Dies sollten Getreide wie Hafer oder Gerste sein. Danach bieten sich Ballaststoffe wie Grünmehl oder Kleie an. Es folgen Zusatzstoffe wie Leinsamen, Bierhefe, Kräuter oder ähnliches, zuletzt finden sich Mineralstoffe und Bindemittel wie Öle oder Melasse. Mineralstoffe und Spurenelemente sind weitere mögliche Zusätze. Einige Pferdekraftfutter aber haben einen hohen Anteil an Zusätzen, wie zum Beispiel Grünmehle, Haferschälkleien, Maiskleber und Maiskleberfutter, Nachmehle, die in Kraftfuttern für arbeitende Pferde nichts zu suchen haben. Es lohnt sich also immer, den ‚Beipackzettel‘ genau zu lesen und besonders auf das Eiweiß-Energieverhältnis zu achten.

Grundsätzlich unterliegen alle Futtermittel ständigen Kontrollen, Landwirte und Futtermittelunternehmer dürfen nur Futtermittel von registrierten oder zugelassenen Futtermittelunternehmen kaufen. Das Verzeichnis der registrierten Betriebe wurde im Bundesanzeiger veröffentlicht und kann auf der Homepage des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) unter www.bvl.bund.de eingesehen werden.

Strenge Kontrollen

Schwerpunkte der Kontrollen sind die Dokumentation der Ein- und Ausgänge, Lagerung, Behandlung und Transport von Futtermitteln, die Dokumentation von Tierarzneimitteln, Untersuchungsergebnisse, Verwendung von Bioziden zum Beispiel zur Schadnagerbekämpfung, gentechnisch verändertes Saatgut und die Einhaltung des Verfütterungsverbots tierischer Proteine. Dazu gehören auch Betriebsprüfungen und Probenahmen durch die amtlichen Futtermittelkontrolleure bei Herstellerbetrieben (Mischfutterhersteller, Mühlen, fahrbare Mahl- und Mischanlagen), Handelsbetrieben (Landhändler, Tierärzte, Zoogeschäfte) und Untersuchungen der Proben bei landwirtschaftlichen Betrieben und Tierhaltern. Die Futtermittelüberwachung ist Aufgabe der Länder, der Regierungspräsidien.

Vitaminiert und mineralisiert

Synthetische Vitamine und Spurenelemente erkennt man an der Aufschrift „Gehalt an Zusatzstoffen“. Bei der Fütterung sollte unbedingt bedacht werden, dass man damit in den Stoffwechsel des Pferdes eingreift. Sie sollten also nicht wahllos verfüttert werden. Viele der angebotenen Futtermittel haben einen hohen Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen, die synthetisch zugesetzt sind und dem Wunsch vieler Pferdebesitzer, ‚mehr fürs Geld’ zu bekommen, entsprechen. Umso wichtiger aber wird ein genauer Fütterungsplan, denn eine Überdosierung kann manchmal ebenso viel schaden wie ein Mangel. Bei der Beurteilung der Inhaltsstoffe müssen Futtermittel in der Gesamtheit gesehen werden. Ein gehaltvolles Heu kann beispielsweise mit einem mageren Kraftfutter kombiniert werden. Wesentlich für die Zusammenstellung einer Gesamtration sind neben anderen Parametern vier Größen: Protein, Energie, Rohfaser und das Mineralstoffverhältnis Calcium/ Phosphor. Auf diese vier Parameter sind in der Regel  auch die Angaben der Inhaltsstoffe für die verschiedenen Futtermittel begrenzt.

Wesentlich ist die Zusammenstellung

Die Speisekarte eines Pferdes sollte also im Grunde aus drei Angeboten bestehen: gutem, kräuterreichem Wiesenheu oder Qualitätsgrascobs, einem soliden Markenkraftfutter und einem Standardmineralfutter. Sind sie sorgfältig gewählt und werden dem Pferd in angemessener Menge verfüttert,  so wird aus dem Buch mit sieben Siegeln ein offenes Buch, das sich auch als Sparbuch erweisen kann und viele Döschen, Flaschen und Säcke überflüssig macht.

Liese/PSJ